Ästhetischer Weltuntergang

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Manchmal möchte ich beim Weltuntergang in der ersten Reihe sitzen.

Wenn der Weltuntergang so schön aussieht, wie er oft im Fernsehen gezeigt wird, warum soll man ihn verhindern? Dieses Spektakel, diese Wucht, wenn Eismassen zerbrechen. Wasserrinnsale suchen ihren Weg über glänzendes Blauweiß. Immer wieder Landschaften, die ihre Form verändern, die Kraft der Natur in voller Ästhetik. Und dann stehen da Menschen, die sagen: „Sehen Sie, sehen Sie, es geschieht wirklich!“

Der schöne Weltuntergang.

Es sind immer die gleichen Menschen, die dastehen, Menschen, die gut mit Zahlen umgehen können, in die Welt der Materie eindringen. „Zwei Grad, zwei Grad“, sagen sie immer wieder. Das ist die magische Zahl, die sie mit anderen Zahlen flankieren, ganze Türme von Zahlen und Kurven bauen sie auf. „Sehen Sie die Kurve, wie sie steigt, so etwas hat es noch nie gegeben.“ Diese Wissenschaftler tauchen in die Tiefe der Meere und messen, sie fliegen hoch in den Himmel hinauf und messen, und sie sagen: „Ja, es geschieht wirklich, wir haben jetzt die neuesten Erkenntnisse, die neuesten Kurven.“ Selbst ich als Huhn kann mir vorstellen, wie sich die Zuschauer bei einem Glas Bier und einer Tüte Chips dabei gruseln. Sie springen massenhaft auf von ihren Sofas und schreien: „Ich ändere mein Leben!“

Oder planen sie doch eher ihre Reise in den Norden, um einmal ganz nah dabei zu sein beim schön Weltuntergang?

Warum steht vor der Kamera niemand, der es gewohnt ist, in das Bewusstsein der Menschen und Gruppen einzudringen und fragt, natürlich mit entsprechenden Bildern: „Was geschieht, wenn Gesellschaften unter Druck geraten? Ernteausfälle, Dürren, Massenfluchten, Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut, Hungertote, Seuchen, Volksaufstände, stürzende Demokratien. Und was geschieht, wenn Diktatoren auf Daten zugreifen, die geschützt sein sollten? Wird der Diktator entscheiden, wer das Recht hat weiterzuleben? Wann fällt die erste Bombe, hinter der es kein Zurück mehr gibt?“

Aber vielleicht wird ja alles ganz anders kommen – der Mensch entdeckt seine Moral und teilt das letzte Stückchen Brot mit einem Ertrinkenden am anderen Ende der Welt.

Und was ich noch sagen wollte, für mich als Huhn ist es unfassbar, dass menschliche Eltern ihre Kinder verkaufen.

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