Psychotherapie am Abgrund

Psychotherapie mit Opfern von Kinderprostitution ist wie der Weg durch ein dunkles Labyrinth.

Eine grausame Gnade kann es für Opfer in einer Psychotherapie sein, wenn die Taten fotografiert oder gefilmt worden sind und das auch bekannt ist. Dann muss der Schrecken nicht erst glaubhaft gemacht werden, dann muss er nicht erst erinnert werden. Ohne solche Beweise besteht die Gefahr, dass der therapeutische Weg zu einer weiteren Traumatisierung führt. Es wird unzählige andere Erklärungen für die Probleme geben, die der Therapeut lieber heranzieht und damit ein Bild von dem Patienten malt, das nichts mit der Realität zu tun hat. Und der Patient, der sowieso keine stabile Identität hat, wird immer verwirrter, zweifelt noch mehr an seiner eigenen Wahrnehmung. Und es wir schlimmer und schlimmer, der Therapeut traut ihm immer weniger zu, sich selbst einzuschätzen. Das Gefühl des Versagens wächst auf beiden Seiten. Dieser Teufelskreis kann in einer Endlosschleife enden.

„So schlimm kann es doch nicht sein, der Patient übertreibt maßlos“, wie oft denken Therapeuten das, wenn sie selbst nicht in den Abgrund schauen wollen? Und wie gewaltsam ist der Akt, wenn in einer Psychotherapie dem Patienten Erklärung für seine Probleme aufgezwungen werden, mit einem sanftem, aber hintergründ bestimmenden Tonfall? Der Prozess, der da in Gang gesetzt wird, ist sehr komplex und sprengt alles, was hier gesagt werden kann.

Ein Baustein, um bei einer solchen Psychotherapie Aussicht auf Erfolg zu haben, könnte die Meditation auf die Dunkelheit, auf den „Teufel“ sein. Eine Meditation, die zuerst einmal der Therapeut einüben sollte, schon in der Ausbildung. Meditation (nur ein Beispiel): „Ich stehe in der Dunkelheit, sie hat noch kein Gesicht, ich weiß ein Teufel ist anwesend. Der Abgrund ist furchtbar, ich versuche ruhig zu bleiben, warte auf das, was auf mich zukommt. Es gibt eine Kraft in mir, die mich trägt. Ich werde den Teufel anschauen, einfach nur anschauen.“

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Kinderprostitution ein Spiegelbild der Gesellschaft

Kann man sagen, dass Kinderprostitution ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft ist? Und wenn es so ist, wie wütend muss man werden? Wie schreibt man einen Text, in der diese Wut nicht alle Worte sprengt?

Ohne Wut könnte man sagen: „Die deutsche Gesellschaft hat gute und schlechte Seiten, sie ist komplex, Kinderprostitution und Kinderpornografie sind ein kleiner Ausschnitt davon.“ Das ist eine nüchterne Feststellung, Rationalität, die nicht in Metaphern denkt. Das ist der Blick desjenigen, der noch nie damit konfrontiert wurde. Ein solcher Mensch würde wahrscheinlich sagen: „Aber das kann gar nicht wahr sein“, auch wenn er irgendwo schon mal davon gehört haben muss. Und dann würde er sich schnell wieder einem anderen Thema zuwenden. Das ist die Normalität, die die Wut desjenigen, der mit Kinderprostitution konfrontiert wird, immer größer werden lässt, bis er gar nicht mehr weiß, welche Worte er benutzen soll.

Dies ist also ein Text, der nicht geschrieben werden kann. Welche Worte kann ich finden, die ihn trotzdem möglich machen? Soll ich von einem Schneewittchenspiegel schreiben, der die Wahrheit spricht und sie in eine leichter zu ertragende märchenhafte Welt hüllt? Die Situation bleibt heikel auch mit einem Schneewittchenspiegel, Märchen enden gut. Diese märchenhafte Welt muss in sich zusammenfallen. In der Realität gibt es selten ein gutes Ende. In der Realität gibt es keinen Umgang mit Kinderprostitution, der hilfreich ist für die Betroffenen.

Kinderprostitution und der Schneewittchenspiegel

Noch während ich darüber nachdenke, wie ich diesen Text schreiben kann und versuche, die Wut abzukühlen, um vielleicht doch noch ein paar Worte einzufangen, beginnt der Schneewittchenspiegel zu sprechen: „Kinderprostitution in Deutschland ist eine Schattenwelt in der Nachbarschaft und ein schwarzes Loch im Herzen der Gesellschaft.“

Ich ergreife die Worte, die der Spiegelt gesprochen hat und schreibe weiter in einer Welt, die sich aus Einsen und Nullen aufbaut. Diese freie, wunderbare Welt, die am Anfang mit so viel Hoffnungen aufgeladen war und sich in eine alles verschlingenden Geldwelt verwandelt hat. Kauf mich, schau mich an, gib mir fünf Sterne, gib mir einen Like, sieh mich an, kauf mich, ich mache dein Leben besser, ich verschaffe dir Glück und Vergnügen! Gib mir alles, was du bist und hast, schau mich an, kauf mich, ich verschaffe dir Lust, die du sonst nirgends befriedigen kannst, hier bin ich, das Kind, das bereit ist, all deine Wünsche zu erfüllen.

Es ist nur eine Abzweigung entfernt in der Welt aus Nullen und Einsen von der Waren-Wunderwelt Amazons zu der Welt der Kinderprostitution in Deutschland. Genauso ist es in der realen Welt, nur eine Abzweigung entfernt auf dem Weg in die Stadt oder nach Hause oder nur eine Etage tiefer oder ganz nah in der Wohnung nebenan findet sie statt. Jemand ruft eine Seite im Darknet auf, jemand setzt ein Kind vor eine Kamera, bietet es an, vielleicht sogar das eigene Kind. Hier in Deutschland!

Kinderprostitution und der Markt der Helfer

Zitat einer Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes: „Mit so etwas will ich nichts zu tun haben.“ Dieser Satz wurde im privaten Rahmen gesagt, und ich stürzte wieder in die Sprachlosigkeit, nicht zum ersten Mal, nicht zum letzten Mal. Ich habe viel Zeit damit verbracht, solche Reaktionen zu analysieren, um einen Weg zu finden, dagegen anzugehen. Die Abzweigung, um einen Umgang mit Kinderprostitution möglich zu machen, habe ich nicht gefunden.

Ja, aber es gibt doch viele Hilfsorganisationen, es gibt doch Psychotherapeuten, könnte man einwenden. Jetzt muss ich noch einmal tief Luft holen, um weiterschreiben zu können. Eine Hilfsorganisation ist eine Organisation, ist eine Organisation, ist eine Organisation und ein wohltätiges Geschäftsmodell. Ein Image muss aufgebaut werden, es gibt Konkurrenten auf dem Spendenmarkt, die geschlagen werden müssen, man braucht ein bestimmtes Profil, einen Markenkern. All das muss möglichst öffentlichkeitswirksam dargestellt werden, welches Foto benutzt man, wie gestaltet man den Text und vieles mehr. Wer von denen, die sich nur auf diese Art mit dem Thema beschäftigen, würde der direkten Begegnung mit einem Betroffenen, mit seinem Schmerz und seiner Verzweiflung, standhalten? Und wer von denen, die spenden, würden das tun?

Ja, aber die Therapeuten können das doch! Es ist kein Geheimnis, dass Menschen, bei denen es um mehr geht als eine Angststörung oder eine Depression (Borderline-Persönlichkeitsstörung, komplexe Traumatisierung, dissoziative Identitätsstörung) nicht besonders beliebt sind bei vielen Therapeuten. Diese Patienten sind anstrengend, und die Therapien sind schwierig, sehr schwierig und langwierig. Man kann sein Geld leichter verdienen. Wie sollten Therapeuten auf dieses Thema gut vorbereitet sein?

Kinderprostitution wirklich ein Spiegelbild

Ich atme durch, weil ich, wenn auch nur bruchstückhaft, Worte gefunden habe, dabei höre ich, wie der Schneewittchenspiegel wiederholt: „Das schwarze Loch im Herzen der Gesellschaft.“ Ich fühle mich hineingezogen in dieses Loch, in die Seelenlandschaft eines verkauften Kindes. Dort sehe ich vergiftete Böden, auf denen nichts mehr wächst, Flüsse und Meere, in denen die Fische sterben. Ich werde von Stürmen erfasst, die die Kraft haben, ganze Häuser niederzureißen. Wohin ich auch blicke, sterbendes Leben, Wüsten, die keine Ende finden. Egal, wie laut ich schreie, keiner schaut auf diesen Teil des Spiegelbilds. Dieses Bild, das auch eine Vision einer möglichen Zukunft für viele ist, für viele verkaufte Kinder.

Trotzdem gibt es immer etwas Wichtigeres, gibt es immer wieder etwas Drängenderes zu tun. Und das Leben will genossen werden, es gibt nur dieses eine. Manche Menschen haben halt Pech, und warum soll gerade ich und wie überhaupt. Die Polizei kann es nicht verhindern, die Therapeuten wollen und können nicht helfen, die Hilfsorganisationen sind Organisationen, sind Organisationen. Außerdem sind das traurige Einzelfälle, da kann man halt nichts machen. Das wird alles etwas übertrieben.

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