113. Brief: Depressionen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 113. Teil: Depressionen

Während ich in meiner Vorstellung das Huhn vor mir sah, wie es unter dem Baum mit den weißen Blüten stand und mit jedem Atemzug die blauen Blumen zum Schrumpfen brachte, hörte ich, wie es hinter mir anfing zu schreien: „Ich werde niemals Eier lege, ich bin kein richtiges Huhn, ich bin verloren! Kann mir keiner helfen?“

Ich erinnerte mich an die Hinweise des Sonnenhauses: Sprich niemals das Huhn auf Eier an, es könnte in tiefste Depressionen verfallen. Warte nicht auf ein Ei, hoffe nicht darauf.

Ich traute mich nicht, mich umzudrehen und das Huhn anzuschauen. Den Schrecken, den ich im Garten zu sehen erwartet hatte, hörte ich jetzt in den Schreien. Das Pferd, dessen Mähne weiß geworden war, blieb ruhig und sprach: „Schau in den Garten, siehst du, wie klein die blauen Blumen schon geworden sind? Bald wirst du sehen, wie schön sie sind, was sie dir geben können. Schau hin! Der Garten hat auch eine große Wiese, auf der zwei Pferde und ein schwarzer Hund Platz haben werden, wenn er endlich aufhört, immer gigantisch groß sein zu wollen.“

„Ja, aber das Huhn! Hörst du nicht, wie es schreit?“

„Du wirst ihm viele Briefe schreiben müssen, immer wieder muss es lesen, dass es ein besonderes Huhn ist, damit es nicht verzweifelt, weil es keine Eier legen kann.“

„Es wird niemals Eier legen?“

„Nein, niemals.“

„Aber dagegen kann man vielleicht etwas tun! Schau dich an, ich habe jeden Tag deine Narben mit Tinktur und Salbe eingerieben, deine Narben sind verschwunden, dir ist ein neues Fell gewachsen. Man sieht nichts mehr. Vielleicht gibt es irgendein Mittel, das dem Huhn hilft, Eier zu legen.“

Zum 113. Brief: Wärme

Link: Das Leben mit dem „schwarzen Hund“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.