112. Brief: Chor der Tiere

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihren Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 112. Teil: Chor der Tiere

Die zwölfte weise Frau spürte den Kampf des Dressurpferdes. Die Zeit war gekommen, mit den Tieren, die die Geschichte des Dornröschens erzählten, ein Rudel aufzubauen. Noch einmal sah sie den Wölfen bei der Jagd zu, noch einmal lauschte sie ihrem Heulen. Im Kopf der weisen Frau mischte sich das Heulen mit den Stimmen der Dornröschen-Tiere, ein Chor, der unterschiedliche Melodien sang.

Die Stimmen der Wölfe: „Wir gehören zusammen, wir spielen und jagen zusammen, wir ziehen gemeinsam durch die Wälder.“

Die Stimmen der Tiere: „Ich bin der schwarze Hund, ich bestimme, wie groß ich bin, ich bestimme meine eigene Geschichte, ich bin eine arme, kleine Fliege, jeder schlägt nach mir, ich werfe mich in den Sturm, um das Dornröschen zu retten, ich bin der Schneehund, keiner darf mich sehen, ich bin ekelig, hässlich, ich will unter dem Baum mit den weißen Blüten sitzen, sie sind rein und schön, ich bin das Pferd, dessen Mähne weiß geworden ist, mit mir kann man sich sehen lassen, ich kann reden, ich kann erzählen, ich bin das Dressurpferd, ich muss das Licht sehen, wenn ich das Licht nicht sehe, sterbe ich, ich sehe nur noch Dornen, ich werde sterben, Licht, Licht, Licht.“

Eine Stimme erklang nicht in dem Chor, die Stimme des Pferdes mit der goldenen Kapsel. Dieses Tier war stumm, und es hatte keinen Ort, an dem es dauerhaft leben konnte, ohne alles um sich herum in Dunkelheit und Kälte zu reißen, jeden Baum, jede Blume, jedes Wort, jeden Gedanken. Und obwohl dieses Pferd stumm war, hörte die zwölfte weise Frau sein Schreien, es war lauter als das Heulen eines ganzen Rudels, es war lauter als alle Stimmen der Tiere zusammen, es schrie: „Gibt es für mich keine Erlösung? Ich bin allein, selbst der Schneehund ist nicht mehr in meiner Nähe. Warum gibt es für mich keinen Weg ins Licht? Soll ich immer so leben, darf ich mich nie dem Sonnenhaus nähern?“

Zum 113. Brief: Depressionen

Link: Das Geheimnis der Kreativität

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.