111. Brief: Liebe

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder, ein modernes Märchen, Poesie. 111. Teil: Liebe

Die dreizehnte weise Frau hatte ihre Hand auf den Hals des Dressurpferdes gelegt, sie spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Es sah die Dornenhecke, das wusste die Dreizehnte. Ihr Stimme klang wie Gewehrschüsse, sanfte Worte nur noch Drohung:

„Du siehst das Licht der vielen Sonnen, nur hier findest du das, was du brauchst, wenn du hier nicht stehen bleibst, bist du verloren. Die Menschen sind gut zu dir, ohne mich würdest du gar nicht wissen, was gut für dich ist. Würde ich dich belügen? Würde ich dir jemals sagen, dass dort eine Dornenhecke wächst, obwohl dort das hellste Licht erstrahlt. Es gibt teuflische Wesen, die würden dir solche Lügen erzählen. Wenn die Menschen, die in dem Haus der vielen Sonnen arbeiten, an dir vorbeigehen, wolle sie dir etwas mitteilen, und was sie dir mitteilen, ist getragen von Liebe. Es gibt keine bessere Liebe für dich, sie ist voller Weisheit, sie ist warm, sie beschützt dich. Siehst du das Licht? Sag mir, ob du das Licht sieht! Sag mir, dass ich gut zu dir bin!“

„Ja, ich sehe das Licht, ja, du bist gut zu mir, du warst immer gut zu mir, ich werde bei dir bleiben.“

Die Dreizehnte bohrte ihre Finger in den Hals des Dressurpferdes. Sie hörte, dass es sie belog, dass es deutlich sah, wie die Dornenhecke am Haus der vielen Sonnen immer schneller wuchs. Die Fenster waren kaum noch zu sehen, nur durch einen schmalen Spalt konnte das Haus überhaupt noch betreten werden. Die Dreizehnte zog eine Eisenstange aus der Innenseite ihres Mantels hervorzuholen.

„Du bist gut zu mir, du warst immer gut zu mir. Ich spüre, wie das Licht der vielen Sonnen meinen ganzen Körper wärmt. Ich werde bei dir bleiben.“

Zum 112. Brief: Chor der Tiere

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