110. Brief: Die weißen Blüten

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 110. Teil: Die weiße Blüten

Die Welt um mich herum schien sich aufzulösen. Meine Hand lag auf der Schulter des Pferdes, dessen Mähne weiß geworden war, nur dadurch spürte ich meinen Körper.

Es sagte: „Wenn du deine Hand dort liegen lässt, kommen wir nicht gemeinsam  die Treppe runter, sie ist zu schmal, wenn wir beide nebeneinander gehen.“ Ich schaffte es nicht, mich zu bewegen, ich glaubte, wie das Huhn in Ohnmacht fallen zu müssen. „Halt dich an meinem Kopf fest, und geh vor mir her!“

Ich glitt mit der Hand über seinen Körper, am Hals entlang, an den Ohren vorbei, und ich blieb stehen. Erst als das Pferd sich bewegte, war ich gezwungen, einen Schritt voranzugehen, wenn ich nicht vom ihm umgestoßen werden wollte. Ich weiß nicht, ob es nur eine Minute oder eine Stunde dauerte, bis wir unten an der Tür ankamen, die in den Garten führte. Ich weiß nur, dass ich immer erst den nächsten Schritt machte, wenn die Bewegung des Pferdes mir keine andere Wahl ließ. Mein Blick war nach draußen gerichtet, ich starrte auf den Baum mit den weißen Blüten, aber ich sah ihn nur verschwommen. Als das Pferd sagte: „Jetzt stell dir das ohnmächtige Huhn vor!“, war ich erleichtert. Ich hatte befürchtet, das Pferd würde mich auffordern, in den Garten hinauszugehen, aber ich brauchte mir nur das Huhn vorzustellen.

„Es liegt nicht unter dem Baum mit den weißen Blüten, aber stell dir vor, es läge dort. Es atmet tief ein und aus, riecht den Duft der weißen Blüten. Es fängt an, seine Füße und seine Flügel zu bewegen. Der Duft strömt mich jedem Atemzug durch seinen ganzen Körper. Es öffnet die Augen, es sieht nur dieses Weiß, von dem der Duft ausströmt. Es steht auf, schaut nach oben zu den blauen Blumen, die den Himmel verdecken. Weiter atmet es den Duft der weißen Blüten ein, und mit jedem Atemzug werden die blauen Blumen kleiner. Siehst du, wie sie kleiner werden? Irgendwann wirst du erkennen und riechen, was sie dir geben können.“

Zum 111. Brief: Liebe

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