Artgenossen als Marshühner

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Artgenossen können in einer fremderen Welt leben als ein Baum.

Ich gebe zu, dass ich meine Artgenossen, die nicht in völliger Gefangenschaft leben, meide. Sie sind mir fremd. Wenn ich mich neben eine Schar von Hühnern stellen würde, sähe ein außenstehendes Huhn zwischen mir, den anderen und sich selbst keinen Unterschied. Es nähme mich oder die anderen nicht als etwas Fremdes oder gar Außerirdisches wahr. Trotzdem fühle ich mich zwischen meinen Artgenossen, als kämen sie von einem anderen Planeten oder zumindest aus einem fremden Land.

Das Problem ist, dass ich, obwohl ich nicht weit entfernt von den anderen lebte, in einem scheinbar unsichtbaren Winkel der Hühner-Welt unterwegs war. Wenn meine Artgenossen ihren Blick vom ständig gefüllten Futternapf abwenden würden, wenn sie die Vorstellung zuließen, dass Menschen Monster sein können, würde sie diese Schattenwelt sehen. Aber dann würde ihnen das Essen nicht mehr schmecken, sie bekämen vielleicht sogar Alpträume und fühlten sich nicht mehr sicher. Und das ist doch das wichtigste – die Sicherheit. Aber es gibt sie nicht! Die Welt der Schatten existiert, ganz in der Nähe.

Worüber soll ich mit Marshühnern reden? Darüber, ob das Futter fünf Minuten früher oder später in den Napf gefüllt worden ist oder ob ein besonderes Leckerlie dabei gewesen ist? Ob der heutige Tag ein noch schönerer Tag gewesen ist als der gestrige Tag und natürlich wieder ein Tag voller Gewissheiten? Bin ich ungerecht? Was können die Marshühner dafür, in diese Lebenswelt hineingeboren worden zu sein, und was kann ich dafür, ein ganz anderes Leben gehabt zu haben? Ich habe die Schritte der Henker gehört.

Manchmal glaube ich wirklich, dass ein Baum mich besser verstehen kann als ein halbfreies Huhn. Ein Baum ist den Stürmen ausgesetzt und der Kälte, er wird von Tieren angegriffen und hat vielleicht schon einmal den Rauch eines Feuers in seiner Nähe gespürt.

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Ausgeschlafen als halbes Huhn

Link: Identität und Fremdheit

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