Endlose Abschlussprüfung

Traum-News: Eine Abschlussprüfung kann zwei Stunden dauern oder ein ganzes Leben oder doch nur eine Traumminute.

Julia T. saß vor ihrer Abschlussprüfung, sie sollte einen Menschen malen. „Malen Sie einen Menschen, der das Wesen des Menschseins erfasst“, mehr stand nicht in der Aufgabe, der einzigen Aufgabe. Auf dem Tisch lagen ein DIN A3 Blatt und Buntstifte. Julia T. griff nach einem Stift, sie wollte sofort anfangen, sie glaubte, eine leichte Aufgabe vor sich zu haben. Doch dann hielt sie inne. Sollte sie einen Mann oder eine Frau malen? Oder ein Mischwesen? Und war mit der Wahl des Geschlechts bereits alles erfasst?

Julia T. schaute sich im Prüfungsraum um, sie war allein. Es gab niemanden, der ihre Arbeit überwachte, sie hätte leicht ein Buch aufschlagen können, um die Antwort zu finden. Aber welches Buch? Sie schaute auf die Uhr, die an der Wand hing. Unter der Uhr stand: „Für diese Aufgabe haben sie Zeit, bis zu ihrem Tod.“ Julia T. wollte laut aufschreien und aus dem Raum laufen, aber er hatte keine Tür.

„Was ist, wenn ich Hunger habe oder Durst oder wenn ich auf die Toilette muss?“, rief sie in den leeren Raum hinein. Keine Antwort.

„Es gibt doch noch andere Dinge, die ich tun muss, das ist doch nur eine Abschlussprüfung!“ Keine Antwort.

Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, starrte sie auf das Blatt Papier, und plötzlich fingen die Stifte an, von allein zu malen. Sie malten einen Engel mit schwarzen Flügeln, der auf einem Motorrad saß und eine Steinschleuder spannte.

„Halt, halt! Das ist doch kein Mensch, das ist doch!“ Die Stifte malten weiter, sie malten einen Affen in einem Brautkleid, eine Bombe mit Beinen und Armen, ein Kind mit einem Greisengesicht. Das Blatt wurde immer größer, und die Stifte malten und malten, ein riesiges Gehirn voller Löcher, eine Blume, die an einem Galgen hing. Das Blatt wuchs weiter, bis es den ganzen Raum einnahm, und es wurde immer noch größer, es legte sich in unzählige Falten, und die Stifte malten und malten, bis Julia T., von dem Papier erdrückt zu werden drohte. Sie schrie.

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Der heilige Raum ohne Tür

Traum-News: Ist der heilige Raum ein Ort des Schreckens?

Der Raum, in dem Martina M. auf einem Stuhl saß, hatte keine Wände, keine Tür, kein Fenster, es war ein Raum, der ohne Anfang und ohne Ende zu sein schien. Martina M. stand auf, weil sie glaubte, zur Arbeit gehen zu müssen, aber es gab keinen Weg heraus aus der Leere. Es gab auch keine Uhr, die anzeigte, wie spät es war, es hätte Nacht sein können oder auch früher Morgen. Nur der Stuhl stand da. Sie wollte ihr Handy aus der Tasche ziehen, um festzustellen, wo sie war, aber sie fand es nicht.

Sie rannte los, irgendwo musste der Raum einen Ausgang haben, sie lief bis sie außer Atem war. Als sie sich umschaute, sah alles aus wie zuvor, und der Stuhl stand direkt vor ihr, als hätte sie sich keinen Meter von ihm wegbewegt.  Martina M. rief um Hilfe, aber keiner antwortete, keiner kam. Ihr wurde schwindelig, sie ließ sich auf den Stuhl fallen. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, wie sie in diese Situation gekommen war, aber sie wusste es nicht. Irgendwo musste sie dringend hin, das spürte sie, vielleicht nicht zur Arbeit, aber irgendwohin musste sie, es gab etwas zu tun, dringend, sie durfte nicht mehr warten oder zögern. Jemand würde ihr schwere Vorwürfe machen, wenn sie es nicht tat. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Laut sagte sie zu sich selbst: „Wenn ich jetzt meine Augen wieder öffne, wird etwas da sein, ich muss nur daran glauben, dass es eine Tür gibt, die dorthin führt, wo es für mich weitergeht.“

Es gab keine Tür. Wieder sprang sie auf, sie rannte im Kreis um den Stuhl herum, im Viereck, sie tanzte, sie sprang, als hätte sie einen Code finden müssen, der den Stuhl in eine Tür verwandeln würde. Oder musste sie nur ein paar Worte aneinanderreihen oder musste sie? Irgendetwas musste sie, das war gewiss.

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Krümmelmonster hat Hunger

Traum-News: Große Menschen brauchen ein großes Krümmelmonster, das ihnen den Weg in die Zukunft zeigt – wenn sie eine Zukunft haben wollen.

Vor dem Tor, das in die Zukunft führte, stand das Krümmelmonster. Es war groß wie ein Haus und alle, die es sahen, glaubten, eine wunderbare Zeit vor sich zu haben mit viel Spaß und Spielen. „Krümmel hat Hunger, Krümmel hat Hunger!“, rief das vertraute Wesen. Alle waren bereit, viele Kekse zu investieren, um dem Sesamstraßen-Monster einen Gefallen zu tun und um von ihm das Tor geöffnet zu bekommen.

Aber jeden, der Krümmel Kekse hinhielt, traf ein verächtlicher Blick. „Was soll ein so großes Monster mit Keksen? Krümmel hat Hunger, Krümmel will Autos essen, gib ihm dein Auto und dein riesiges Haus und die Flugzeuge, mit denen du und alle anderen in Urlaub fliegt. Krümmel hat Hunger!“

Zuerst lachten die Menschen nur, weil sie es für einen Witz hielten, aber Krümmel versperrte ihnen den Weg zu dem Tor, das in die Zukunft führte. Das Unvorstellbare geschah, es wurde der Entschluss gefasst, das Monster zu töten. Doch jede Waffe, die es treffen sollte, wurde von ihm verschlungen, Gewehrkugeln, Raketen, Gift, Feuerwerfer, und dann rief es: „Krümmel hat Hunger, Krümmel hat Hunger. Ich will eure Autos, ich will alles, für das ihr glaubt, sterben zu müssen.“ Die Menschen entschlossen sich, das lustige Monster ihrer Kindheit auszuhungern. Sie gaben ihm nicht die Chance ihre Waffen zu essen, ihre Kekse oder ihre Autos.

„Krümmel hat Hunger, Krümmel hat Hunger! Wer Krümmel nicht füttert, hat keine Zukunft mehr.“ Das Monster fing an, die Kinder der Menschen zu verschlingen. Das Entsetzen war riesig. Einige Menschen waren bereit, für das Leben ihrer Kinder auf ihr Auto zu verzichten, aber schließlich setzte sich ein anderer Plan durch. Containerladungen mit Autoschrott wurde herangefahren und vor Krümmel ausgeschüttet.

„Davon wird mir schlecht, Krümmel hat Hunger, Krümmel hat Hunger! Ich will eure Autos, eure riesigen Häuser, eure Flugzeuge!“ Tausende Kinder verschwanden in Krümmels Magen.

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Ästhetischer Weltuntergang

 

Gesang der guten Tat

Traum-News: Die gute Tat führt zu immer mehr guten Taten, zur Reinheit, zu einer besseren Welt, zum Himmel auf Erden, zum Gesang eines Engels.

Helmut K. hörte plötzlich einen wunderbaren Gesang, als er mit zwei vollen Tüten Lebensmitteln den Biomarkt verließ. Der Gesang hörte sich an wie der eines Engels, ein Gesang aus einer höheren oder zumindest einer besseren Welt. Helmut K. folgte der Stimme, sie führte ihn zu einer goldenen Brücke. Auf der anderen Seite sah er eine menschliche Gestalt, die ganz in Weiß gekleidet war. Er wusste, dass er ein reines Wesen vor sich sah. Mit seinem Gesang schien es ihm sagen zu wollen, dass eine bessere Welt möglich sei, wenn er nur immer das Richtige tun würde. Das wollte er, er hatte schon damit angefangen, das Gewicht seiner Einkaufstüten aus dem Biomarkt sprach eindeutig für ihn. Helmut K. glaubte, nur zu dem Wesen gehen und es berühren zu müssen, und es würde ihn mit dem Glanz der richtigen Tat beschenken.

Mit erhobenen Kopf machte er die ersten Schritte auf der Brücke. „Halleluja, Halleluja“, sang das Wesen. Als er in der Mitte der Brücke angekommen war, schaute er nach unten auf seine Füße. Er sah, dass er goldene Schuhe trug, die mit Kot beschmiert waren. Mit diesen Schuhen stand er auf einer Brücke, die ihren Glanz verloren hatte und aus morschen Brettern bestand. Er erstarrte. Auch der Gesang verwandelte sich, er klang wie ein Donnern: „Der gute Mensch auf der goldenen Brücke, der gute Mensch auf der goldenen Brücke, schaut alle auf den Glanz seiner guten Tat. Er ist der Erbauer einer besseren Welt. Er tut das Richtige, er tut das Gute, er ist ein Juwel in dieser Welt.“

Helmut K. traute sich nicht aufzuschauen, er war sich sicher, dass sich nicht nur die Brücke und der Gesang, sondern auch das engelsgleiche Wesen sich verändert hatte. Dann stand es plötzlich vor ihm, es packte ihn am Kinn und riss seinen Kopf nach oben. Er sah in das Gesicht eines Affen, der eine goldene Krone aus Plastik trug.

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Der dickste Klunker

Einkaufszentrum ohne Ausgang

Traum-News: Der Zug, der in die Zukunft fährt, startet im Einkaufszentrum. Von dort kommt man an jedes Ziel in jeder Lebenssituation.

Helga K. war auf dem Weg zum Ausgang des Einkaufszentrums. Sie wusste, dass sie ihren Zug auf keinen Fall verpassen durfte, ihre Zukunft hing davon ab. Sie ging durch eine Tür, die sie für den Ausgang hielt, aber anstatt auf die Straße hinauszutreten, fand Helga K. sich in einem Geschäft wieder. Sie glaubte, in einem Meer aus Farben zu schwimmen, leuchtend wie ein Regenbogen.

Ein Mann trat auf sie zu, er sagte: „Sie haben Glück, Sie kommen genau zur richtigen Zeit. Nur heute gibt es das Angebot 365-Tage-ein-neues-Leben. So ein Angebot darf sich niemand entgehen lassen. 365 Jeans in unterschiedlichen Farben, jeden Tag können sie sich neu erfinden, eine Persönlichkeitsentwicklung ohnegleichen. Sie können langsam von einem Blauton in den nächsten gleiten oder spontan in eine ganz andere Seite von sich hineinspringen, von einem grellen Rot in ein sanftes Grün ganz nach ihren individuellen Entwicklungswünschen. Helga K. hatte es eilig, ihre Zukunft – aber was für eine Zukunft hatte sie ohne diese Hosen. Schnell probierte sie eine der Hosen an, wenn sie sich sehr beeilte, würde sie den Zug noch bekommen. Mit einer Einkaufstüte, die kleiner war als ihre Kreditkarte, verließ sie das Geschäft und rannte auf die Tür zu, die sie für den Ausgang hielt. Kaum war sie hindurchgeschritten, stand wieder der Mann vor ihr und sagte: „Zu ihren Hosen müssen sie sich noch eine App kaufen, die ihre Handykamera optimiert, damit die unterschiedlichen Farbnuancen auf den Selfies deutlich werden. Eine solche Persönlichkeitsentwicklung müssen Sie dokumentieren.“

Schnell hatte sie die App auf ihr Handy geladen und raste auf die Tür zu, die sie für den Ausgang hielt. Wieder stand der Mann vor Ihr und sagte: „Der Zug in die Zukunft startet nur hier, hier gibt es spezielle Jeans, die sie durch eine Schwangerschaft begleiten, wir haben auch eine Kollektion für den Trauerfall. An jedem Tag des Trauerjahrs wird das Schwarz ihrer Jeans ein bisschen heller, jeden Tag werden sie auf ihrem Selfie sehen, wie ihre Trauer weniger und weniger wird. Dafür haben wir natürlich auch eine App, die die unterschiedlichen Schwarztöne erkennen lässt.“

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Mit Gedanken beginnt der Fortschritt