Bärentierchen das heimliche Ebenbild

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Wahrscheinlich haben viele Menschen noch nichts vom Bärentierchen gehört, das will ich hier ändern.

Für den Menschen mag es eine Beleidigung sein, wenn ich in meinem nächsten Leben nicht als göttliches Ebenbild, sondern als Bärentierchen wiedergeboren werden will. Der Mensch glaubt, der Gipfel zu sein, auf den jeder zustrebt – auf diese unglaublichen geistigen Höhen. Aber nein, ich werde als Bärentierchen wiedergeboren, entweder an Land oder im Wasser.

Die ganze Welt steht mir bei dieser Wahl offen. Ich werde ein richtiges Wunderwesen sein, und ich bin davon überzeugt, dass der Mensch mich unbewusst um diese Wahl beneidet. Ich werde so gut wie unsichtbar sein, winzig, kaum einen Millimeter groß, und trotzdem werde ich einen vollständigen Körper haben, sogar mit sechs Beinen. Ja, ein Wunderwesen, ein Kunstwerk der Evolution, das sich schon vor den Dinosauriern behauptet hat. Ich kann mich entscheiden, ob ich eine Form annehme, die sich geschlechtlich oder ungeschlechtlich fortpflanzt. Vor allem nähere ich mich fast der Unsterblichkeit, ich kann Temperaturen von – 273 Grad bis 150 Grad überstehen, auch großer Druck und das Vakuum können mir nichts anhaben. Was bedeutet dagegen ein bisschen Intellekt?

Wenn der Mensch sich seines Größenwahns entledigen würde, würde er jeden Tag dafür beten, als Bärentierchen wiedergeboren zu werden, da bin ich mir sicher. Mit der Erfüllung dieses Wunsches käme er der Gottähnlichkeit näher, als es ihm in seinem Menschsein je möglich wäre. Als Bärentierchen wäre er sich der Existenz der Menschen wahrscheinlich gar nicht bewusst – so unbedeutend sind sie in dieser parallelen Welt.

Aber erst einmal muss der Mensch leidvoll durch seine Existenz schreiten, und ich muss meine Huhnexistenz ertragen, ertragen, mir über Menschen Gedanken machen zu müssen, ertragen, dass sie nicht aufhören zu existieren. Aber vielleicht ist das der Preis, den jeder bezahlen muss, um irgendwann als Bärentierchen geboren zu werden. Ich will nicht sagen, dass ich die Jahre zähle, bis es endlich soweit ist, aber ich bin schon sehr ungeduldig.

 

Seine Qualen sind mein Glück

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Über die Art der Qualen, die Menschen empfinden, wundere ich mich.

Keiner wird sich wundern, wenn ich mir als Huhn wünsche, Menschen Qualen zu bereiten. In meiner Fantasie brauche ich dafür keine Daumenschrauben, Streckbänke, Stromkabel oder Wasser. Ich brauche nur einen Stuhl, dort soll der Mensch sitzen, ohne Smartphone, ohne irgendeine Ablenkung. Es wird nicht lange dauern, bis er anfängt, um Gnade zu betteln. Natürlich umsonst! Ich kann ein wirklich böses Huhn sein und mich daran erfreuen, wenn der Mensch von seinen Dämonen in seinem Inneren und der Leere verschlungen wird. Er zittert, Schweiß läuft an seinem ganzen Körper herunter. Ich sehe, wie er krampfhaft danach sucht, sich meiner Macht zu entziehen. Die Argumente, mit denen er versucht, mich davon zu überzeugen, dass er nun wirklich eine solche Behandlung nicht verdient hat, sind jämmerlich: „Ich arbeite viel, ich arbeite hart, ich bin ein guter Bürger. Ich werde noch mehr arbeiten, 48 Stunden am Tag, keiner kann mir etwas Schlechtes vorwerfen, ich stehe jeder Zeit zur Verfügung, ich werde mir das Schlafen ganz abgewöhnen, bestimmt, das schaffe ich, ich bin ein guter Bürger, und ich werde besser und besser, jeden Tag strenge ich mich mehr an.“

Ich sehe, dass er kaum noch Luft bekommt, ich bin ein wirklich böses Huhn, kenne keine Gnade.

„Ich werde sechzig Stunden am Tag arbeiten und immer mehr Geld verdienen, immer mehr Steuern bezahlen, keiner kann mir etwas Schlechtes vorwerfen.“

„Können Sie auch etwas anderes als arbeiten?“, frage ich mit einem bedrohlichen Unterton und lasse mich von dem nahenden Zusammenbruch nicht beeindrucken.

Der Mensch hat seine Stimme kaum noch unter Kontrolle, sie springt hin und her zwischen Wimmern und Schreien: „Wenn ich hundert Stunden am Tag gearbeitet habe, kaufe ich, kaufe ich, ich lasse mir kaum Zeit zum Essen, ich kaufe, ich kaufe. Ich bin ein guter Bürger.

Scheinbar sanft frage ich: „Und sonst können Sie nichts?“

Der Mensch fällt in Ohnmacht, und ich bin ein wirklich böses Huhn, mit Wasser reiße ich ihn aus seiner Fluchtwelt heraus, noch bin ich nicht fertig mit ihm.

Traum-News: Endlose Abschlussprüfung

Ästhetischer Weltuntergang

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Manchmal möchte ich beim Weltuntergang in der ersten Reihe sitzen.

Wenn der Weltuntergang so schön aussieht, wie er oft im Fernsehen gezeigt wird, warum soll man ihn verhindern? Dieses Spektakel, diese Wucht, wenn Eismassen zerbrechen. Wasserrinnsale suchen ihren Weg über glänzendes Blauweiß. Immer wieder Landschaften, die ihre Form verändern, die Kraft der Natur in voller Ästhetik. Und dann stehen da Menschen, die sagen: „Sehen Sie, sehen Sie, es geschieht wirklich!“

Der schöne Weltuntergang.

Es sind immer die gleichen Menschen, die dastehen, Menschen, die gut mit Zahlen umgehen können, in die Welt der Materie eindringen. „Zwei Grad, zwei Grad“, sagen sie immer wieder. Das ist die magische Zahl, die sie mit anderen Zahlen flankieren, ganze Türme von Zahlen und Kurven bauen sie auf. „Sehen Sie die Kurve, wie sie steigt, so etwas hat es noch nie gegeben.“ Diese Wissenschaftler tauchen in die Tiefe der Meere und messen, sie fliegen hoch in den Himmel hinauf und messen, und sie sagen: „Ja, es geschieht wirklich, wir haben jetzt die neuesten Erkenntnisse, die neuesten Kurven.“ Selbst ich als Huhn kann mir vorstellen, wie sich die Zuschauer bei einem Glas Bier und einer Tüte Chips dabei gruseln. Sie springen massenhaft auf von ihren Sofas und schreien: „Ich ändere mein Leben!“

Oder planen sie doch eher ihre Reise in den Norden, um einmal ganz nah dabei zu sein beim schön Weltuntergang?

Warum steht vor der Kamera niemand, der es gewohnt ist, in das Bewusstsein der Menschen und Gruppen einzudringen und fragt, natürlich mit entsprechenden Bildern: „Was geschieht, wenn Gesellschaften unter Druck geraten? Ernteausfälle, Dürren, Massenfluchten, Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut, Hungertote, Seuchen, Volksaufstände, stürzende Demokratien. Und was geschieht, wenn Diktatoren auf Daten zugreifen, die geschützt sein sollten? Wird der Diktator entscheiden, wer das Recht hat weiterzuleben? Wann fällt die erste Bombe, hinter der es kein Zurück mehr gibt?“

Aber vielleicht wird ja alles ganz anders kommen – der Mensch entdeckt seine Moral und teilt das letzte Stückchen Brot mit einem Ertrinkenden am anderen Ende der Welt.

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Der dickste Klunker

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Eitelkeit kann ins Unermessliche wachsen, wenn Klunker unsichtbar sind.

Hochkarätiger Schmuck muss nicht sichtbar sein, es ist sogar besonders schick, wenn die dicksten Klunker nicht aus edelsteinharter Materie, sondern aus schneeweißer Herzensgüte bestehen. Jedes Huhn sollte diesen Schmuck kennen, er ist der Weg in die Freiheit, zumindest für die Hühner, die von Menschen Namen bekommen haben.  Diese Menschen sind es, die solchen Schmuck lieben. Ganz verzückt schauen sie auf ihre gefiederten Freunde, die im Garten frei herumlaufen: „Meine Hedwig, meine Klara, meine Heidi“, seufzen sie und spüren dabei, wie ihre unsichtbaren Edelsteine glänzen.

Mein Aufruf an alle Hühner, die Namen haben: Bringt eure eierstehlenden Bewacher dazu, einen noch größeren Klunker haben zu wollen! Lauft davon! Und wenn ihr wieder eingefangen werdet, versteckt euch, verweigert die Nahrung, lasst die Flügel hängen. Macht einen so traurigen Eindruck wie möglich. Es liegt in der Natur solcher Menschen, dass sie ganz zerknirscht sein werden, wenn sie das Gefühl haben, ihre Hühner seien nicht glücklich. Wahrscheinlich wachen sie nachts schreiend auf, weil sie in den Tränen ihrer Tierkameraden zu ertrinken drohen. Habt Geduld! Kennt keine Gnade, wenn eure Bewacher sich verzweifelt über euch beugen und fragen: „Ja, was ist denn mit meiner Hedwig, ja, was ist denn los, warum isst du denn nicht dein Leckerli, warum rennst du immer wieder weg?“ Ich wiederhole: Kennt keine Gnade, schaut eure Bewacher nicht an, entfernt euch, wenn sie sich nähern! Glaubt mir, solche Menschen werden sich Gedanken machen, auch sie sehnen sich nach dem dicksten Klunker, auch sie wollen prahlen: „Meine Hedwig, sie hängt so sehr an mir, am liebsten sitzt sie auf meinem Schoß, sie weicht nie von meiner Seite.“ Habt Geduld! Irgendwann werden eure Bewacher wissen, dass sie euch die Freiheit schenken müssen.

Sie werden ihren Kopf weit nach oben strecken, sie wissen, dass sie den dicksten Klunker haben, sie werden nicht an sich halten können vor Stolz und jedem sagen: „Wir haben unseren Hühnern die Freiheit geschenkt.“

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Mit Gedanken beginnt der Fortschritt

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Vom Glück, ein erleuchtetes Huhn zu sein, ein Huhn ohne Gedanken.

Wenn ich mir Gedanken darüber mache, worüber ich mir keine Gedanken machen muss, komme ich aus dem Denken gar nicht mehr heraus. Ich muss mich nie fragen, was ich heute anziehen will oder ob ich überhaupt genug zum Anziehen habe oder ob das, was ich habe, modisch ist. Und schon denke ich weiter, ich denke, dass meine Zeit im Vergleich zu der Zeit der Menschen unendlich ist, zumindest dem Gefühl nach. Ich brauche keine Zeit, um mir eine Hose, einen Rock oder einen Mantel zu kaufen oder sie zu waschen, sie zu flicken oder in die Reinigung zu bringen oder um einen Kleiderschrank zu suchen. Ich könnte diese Liste bis an mein Lebensende fortführen mit all den Dingen, die ich nicht kaufen muss und für die ich keine Zeit brauche.

Hat der Mensch sich deshalb aus dem Tierreich erhoben, um all diese Dinge tun zu können? Glaubt er deshalb, weit über den Tieren zu stehen? Nein, er wird auf seinen überragenden Geist und seine Freiheit verweisen. Und diese Freiheit ist harte Arbeit. Er kann zwischen unzähligen Fernsehprogrammen jeden Tag wählen, oder er kann in ein Einkaufszentrum gehen, die Freiheit der Wahl, die er dort hat, ist für mein Huhngehirn unvorstellbar. Diese geradezu kosmische Freiheit kann er aber nur genießen, wenn er vorher gearbeitet hat, und bevor er überhaupt arbeiten kann, muss er viele Jahre ganz viel denken. Mir wird schon ganz schwindelig von dem Denken, was ich nicht denken und tun muss.

Auch manchen Menschen scheint schwindelig zu werden, von dem, was sie im Gegensatz zu mir denken und tun müssen. Deshalb setzen sie sich auf den Boden und kämpfen hart darum, nicht zu denken. Sie glauben geradezu, erleuchtet zu werden, wenn sie in dieser Disziplin besonders gut werden und dass dann all das, womit sie sich beschäftigen, gar nicht so wichtig ist. Ich kann also sagen, dass ich bereits erleuchtet bin, wenn ich endlich aufhöre, mir Gedanken darüber zu machen, womit Menschen ihre Zeit verbringen.

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