3. Brief: Die Dornenhecke

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 3. Teil: Die Dornenhecke

Ich kenne nicht deinen Namen, ich weiß nicht, ob du ein Mädchen oder ein Junge bist, vielleicht bist du schon lange kein Kind mehr, aber wahrscheinlich hörst du immer noch die Stimmen aus den dunkelsten Ecken Dornröschenlands.

Die Fliege zeigte mir den Weg dorthin. Dieser Weg fühlte sich an wie hundert Jahre, als würden die dreizehnte und die zwölfte weise Frau nie aufhören, um Dornröschen gegeneinander zu kämpfen.

„Dornröschen wird sterben!“

„Nein, mein Wunsch ist noch nicht ausgesprochen, und deshalb sage ich, es wird nur ein hundertjähriger Schlaf sein!“

„Ja, aber nicht nur Dornröschen wird schlafen, alle werden schlafen, und ich bestimme, was hundert Jahre sind. Die hundert Jahre enden erst, wenn jemand Dornröschens ganze Geschichte gehört hat. Das schlafende Kind kann nicht sprechen, wer soll seine Geschichte hören, und wer von all den schlafenden Menschen könnte sie hören? Die hundert Jahre werden ewig dauern, dieser Schlaf ist gleich dem Tod.“

„Dornröschen wird leben, es wird erwachen, jetzt habe ich meinen Wunsch ausgesprochen, und er wird wahr.“

So stritten sie, als hätte es kein Ende und keinen Anfang mehr gegeben. In Dornröschenland wuchs überall die Dornenhecke. Sie ist noch immer ein Rätsel und Schrecken für mich. Auf meinem Weg lernte ich, sie zu sehen. Ja, man muss erst lernen, sie zu sehen. Sie ist fast überall, sie zieht sich durch die Straßen, wächst an den Häusern empor und sogar in sie hinein. Es gibt kaum jemanden ohne Wunden. Die Dornenhecke kann schrecklich sein, ich beobachtete, wie Menschen in ihr starben. Noch heute, obwohl ich sie sehen kann, erstarre ich manchmal und traue mich nicht, mich zu bewegen. Dann versuche ich, an die Fliege zu denken. In jedem ihrer Flügelschläge höre ich die Stimme der zwölften weisen Frau: „Dornröschen soll leben, Dornröschen soll leben!“

Zum 4. Brief: Die Geschichte

Link: Dornröschen

Ein Gedanke zu „3. Brief: Die Dornenhecke“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.