Die Unsterblichkeit des Superhuhns

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Die Unsterblichkeit hängt am gigantischen Wurm.

Wenn ich mir vorstelle, ein Mensch zu sein, wünsche ich mir einen Wurm, der so lang ist wie der Umfang der Erde. Menschen haben solche Wünsche, sie wollen keine Würmer, aber das, was sie sich wünschen, soll gigantisch sein wie mein Wurm. Ich könnte ihn in Jahrtausenden nicht aufessen, aber darum geht es nicht, es geht darum, ihn zu besitzen. Ein Huhn, das eine solche Futterquelle sein Eigen nennen würde, wäre ohne Frage ein Superhuhn, ein Huhn ohnegleichen, ein Huhn, dessen Namen ein Artgenosse kaum auszusprechen wagen würde. Ein solches Wesen dürfte der Welt natürlich nie verloren gehen, es müsste unsterblich sein. Menschen, die sich für etwas Besonderes halten, geben viel Geld dafür aus, um dieses Ziel zu erreichen, Heerscharen von Wissenschaftlern werden dafür bezahlt. Was wäre das für ein Leben, ich das Superhuhn, das unsterbliche Huhn, das Huhn mit einem Wurm, der die ganze Welt umschlingt?

Ich stehe morgens auf und denke an meinen Wurm, ich denke den ganzen Tag an ihn, bis mir die Augen zufallen, und auch noch in meinen Träumen ist er allgegenwärtig. In der nächtlichen Welt laufe ich von einem Ende des Wurms zum anderen, das heißt einmal um die Erde herum. Ich laufe und laufe, bis ich glaube, tot umzufallen. Dann erinnere ich mich daran, dass ich ein Superhuhn bin auf dem Weg in die Unsterblichkeit, ich laufe noch einmal von einem Ende des Wurms zum anderen. Erschöpft wache ich auf. Irgendetwas kann mit mir nicht stimmen, denke ich, und dann denke ich wieder an meinen Wurm. Ich bin das glücklichste Huhn auf der Welt, das weiß ich. Ich bin auch ein geistig aktives Huhn, ich stelle Fragen: „Gibt es einen Weg, meinen Wurm noch größer werden zu lassen, wie kann ich ihn am besten beschützen, wie kann er sich mit einem anderen Wurm paaren, damit noch weitere Giganten für mich geboren werden?“ Fragen über Fragen, in meiner Unsterblichkeit wird es mir bestimmt nicht langweilig werden.

Traum-News: In den Wolken über Deutschland

Link: Endlos leben

Wird die Apokalypse wieder vertagt

Traum-News: Pleiten, Pech und Pannen bei der Organisation und Durchführung der Apokalypse, und doch scheint sie endlich in Fahrt zu kommen.

Es war kurz vor Redaktionsschluss, kurz bevor die Sonne aufging. Die Menschen in Deutschland bereiteten sich schon darauf vor, ein Seufzen des Wohlergehens auszustoßen, so wie es von der Regierung als Verhaltensnorm empfohlen wird. Uns soll es gut gehen – nein, uns geht es gut! Ein Sandsturm peitschte durch die Räume der Redaktion. So etwas geschieht häufig, wenn Informanten sich nähern. Es war unmöglich, die Augen offen zu halten. Das Aussehen des Informanten kann nicht beschrieben werden, aber es besteht kein Zweifel daran, dass er auf einem Pferd saß. Er betonte, dass er nicht anonym bleiben wolle. Im Folgenden wird versucht, das, was er zu berichten hatte, wiederzugeben, dabei ist es nicht ausgeschlossen, dass sich die eigene Fantasie dabei einmischt:

„Jeder soll wissen, dass ich der zweite apokalyptische Reiter bin, jeder soll wissen, was ich durchgemacht habe. Zwei Jahrtausende vergebliches Bemühen, zwei Jahrtausende kein Endgericht Gottes. Jetzt ist es schon so weit gekommen, dass keiner mehr weiß, wer ich bin und was die Apokalypse ist. Sie ist die Ankunft der Gerechtigkeit Gottes auf Erden. Feuer und Schwefel über alle Ungerechten, ewige Verdammnis! Bis heute nicht. Keiner hält sich an den Plan oder an die Reihenfolge und dann diese Unfähigkeit. Immer wieder fällt der dritte apokalyptische Reiter vom Pferd, und dann müssen wir wieder von vorn beginnen. Und wenn er es doch schafft, sich auf dem Pferd zu halten, verpasst der erste Engel seinen Einsatz, er bläst seine Posaune nicht. Und wenn er es doch tut, kommt spätestens beim dritten Engel immer wieder das Aus. Er weiß nicht, wie man die Posaune bläst. Dann bläst der siebte Engel seine Posaune, aber er ist noch gar nicht dran. Dann die endlosen Diskussionen, ja, das können alle Engel, diskutieren, diskutieren. Sie sollen blasen, der Reihe nach. Aber nein, Diskussionen, Diskussionen: Welchen Zeitpunkt hat Gott gemeint, wie lange dauert seine Geduld, ist Gott an die Naturgesetze gebunden, um den Plan zu erfüllen oder hat er ihn selbst vergessen?

Ich will Gerechtigkeit, heute, jetzt und hier. Und die Engel diskutieren und diskutieren. Dabei glauben sie, dass die Zeichen alle auf die nahende Apokalypse hinweisen. Auf keinen Fall darf sie im Westen beginnen, meinen sie, dann könnte die Apokalypse wieder nicht stattfinden. Wenn die Menschen im Westen anfingen zu leiden, würden sie die Katastrophe noch verhindern können, Stürme und Fluten eindämmen können. Feuer und Schwefel, geht es um die Naturgesetze oder um Gottes Plan? Blasen sollen die Engel, blasen, in der richtigen Reihenfolge.“

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Die Unsterblichkeit des Superhuhns

Link: Apokalyptische Reiter

Der Herzschlag und das Schöpferhuhn

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Der Herzschlag rast in der Nähe des Schöpferhuhns.

Eine Wiese kann nicht groß genug für mich sein, weil ich spüren will, dass ich ein freies Huhn bin. Am liebsten ist es mir, wenn ich ihr Ende gar nicht sehen kann. Gestern war so ein Tag, ich flog über einen Hügel hinweg, und da lag sie vor mir. Ich lief los, ich lief und lief, bis mir mein Herz bis zum Hals schlug, und ich kaum noch Luft bekam. Wenn ich diesen Herzschlag fühle, weiß ich, dass kein Mensch mich sein Eigentum nennt.

Noch ein paar Schritte, dann konnte ich nicht mehr, meine Beine zitterten, ich ließ mich fallen und glaubte, den Flügelschlag des Schöpferhuhns über mir zu spüren, das aus einem riesigen Ei die Welt erschaffen hat. Ja, es war ein Huhn, das die Welt erschaffen hat, das will ich glauben. Hatte es mich gerettet, hatte es mich in die Freiheit geführt? Hatte es mich mit dieser Wiese beschenkt, streichelte es mich mit dem Windhauch seines Atems? Ich wartete auf den erlösenden Augenblick, an dem ich Luft ruhig und tief in meine Lunge einsaugen konnte und alle Muskeln erschlafften. Ich wollte nur noch daliegen in dem Bewusstsein, vom Schöpferhuhn beschützt zu werden. Aber mein Herz raste immer schneller, als würde es aus der Brust herausspringen wollen. Ich schnappte nach Luft, glaubte, ersticken zu müssen. Die Wiese war weit, sie war riesig, keine Gitter, keine Zäune, keine Mauern, keine Ketten – und kein anderes Huhn. So weit ich auch gelaufen wäre, nirgends wäre ich einem Artgenossen begegnet.

Packte mich das Schöpferhuhn mit seinen mächtigen Krallen, bohrte es sie in mein Fleisch hinein und sprach: „Ich habe dir die Freiheit geschenkt und dich in die Einsamkeit geworfen. Ich gewähre und entziehe das Glück und das Leben. Ich habe den Menschen erschaffen und seinen endlosen Hunger nach Hühnern und Eiern. Jeder, der über mich nachdenkt, muss an mir verzweifeln.“

Traum-News: Wird die Apokalypse wieder vertagt

Link: Warum überquert das Huhn die Straße nicht

Arbeiten für das schwarze Loch

Traum-News: Arbeit kann alles sein, sich etwas leisten können, arm sein, Selbstverwirklichung, Sklaverei, Status, Demütigung, sich nicht spüren, Kraft, Macht.

Ein Piepton aus der Herzlungenmaschine erfüllte den Raum, Herzstillstand, gerade Linie auf dem Bildschirm. Susanne S. schaute auf ihren Körper hinab, um sich herum spürte sie unzählige andere Menschen, die auf ihren Körper hinabschauten, Piepton, Herzstillstand. Sie glaubte, noch zu leben, daran bestand für sie kein Zweifel. Sie rief: „Sieht mich keiner, hört mich keiner, ich bin hier!“ Als hätte ihr der Himmel Antwort geben wollen, erblickte sie vor sich den Tunnel, der ins Licht führte, ins andere Leben, aber er war mit Brettern zugenagelt, auf ihnen stand: Deine Zeit ist noch nicht gekommen.

„Ja, ich wusste es, ich lebe!“ Noch immer schwebte sie über ihrem Körper, kein Arzt kam, um sie zu retten. Wieder las sie: Deine Zeit ist noch nicht gekommen.

Von hinten spürte sie einen Sog, und sie hörte ein lautes Hämmern, als hätte jemand mit einem Hammer auf Stahl geschlagen. Das kann doch nicht mein Herz sein, dachte sie. Am liebsten hätte sie sich die Ohren zugehalten. Der Sog zog sie von ihrem Körper weg und mit ihr all die anderen Menschen, die ihren Körper verlassen hatten.

Sie ahnte, dass sie ihrem Herz entgegenschwebte, erst fühlte sie es nur, dann sah sie es.  Es war mit Drähten in einer vielarmigen Maschine befestigt.  Alle Herzen der Menschen, die keinen Körper mehr hatten, sahen ihre Herzen in Maschinen schlagen. Sie arbeiteten und arbeiteten mit ihren vielen Armen neben einem schwarzen Loch, das keinen Boden zu haben schien und bis zum Horizont reichte. Kein Aufschlag war zu hören, wenn etwas hineinfiel, und es fiel vieles hinein, wenn die unzähligen Arme sich bewegten, große Tiere, kleine Tiere, Bäume, Blumen, ganze Landstriche, Flüsse und Seen. Die Herzen schlugen, sie arbeiteten und arbeiteten in den Maschinen.

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Der Herzschlag und das Schöpferhuhn

Link: Reichtum zerstört die Umwelt

Endlich mehr Zeit für die Arbeit

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Können Hühner lernen, wie viel Glück Arbeit bedeutet?

Ich habe etwas sehr Bedeutsames über Menschen gelernt, sie finden die größte Lust und Freude bei der Arbeit. Das ist wichtiger, als Kuchen backen, wichtiger, als auf einem Bein zu stehen oder als Gänseblümchen pflücken und unendlich viel wichtiger, als Würmer essen. Deswegen verstehe ich auch, warum sie von morgens bis abends auf das selbstfahrende Auto hoffen.

Dann können sie schon auf dem Weg zur Arbeit aufatmen, die Nacht ist vorbei, es kann sofort losgehen, keine sinnlos vergeudete Zeit mehr. Die Erfinder dieses Autos haben wahrscheinlich aus eigener leidvoller Erfahrung mit mangelnder Zeit für die Arbeitsfreuden diese Erlösung erschaffen. Das Leben wird bald besser sein, das ist keine Frage, Leid und Schmerz werden sich erheblich vermindern. Es wird keine weinenden und schreienden Kinder mehr geben, die getröstet werde müssen, weil die Eltern ihnen auf dem Weg zur Schule nicht Vokabeln abfragen können oder Rechtschreibung mit ihnen üben können.  Nein, direkt nachdem sie das Auto bestiegen haben, kann es losgehen. Es wird weniger Streit und Spannungen in den Familien geben, die Kinder werden bessere Noten bekommen, ein erfolgreicheres Leben vor sich haben. Natürlich kann es Konflikte geben, wenn die Eltern sich auf ihre eigene Arbeit konzentrieren wollen. Aber ich bin mir sicher, dass Erfinder schon dabei sind, einen digitalen Konfliktlöser zu entwickeln, der sich in solchen Augenblicken automatisch einschaltet, damit jeder das höchstmögliche Glück auf der Fahrt genießen kann.

Mich als Huhn bringen diese Erkenntnisse in große Schwierigkeiten. Ich habe immer danach gestrebt, das Leben der Hühner verbessern zu wollen, sie sollten wieder frei, wieder ganz Huhn sein können. Aber Hühner arbeiten nicht! Wissen sie wirklich, worauf es im Leben ankommt? Ist es nicht besser für sie, wenn sie von Menschen eingesperrt werden, damit sie lernen, produktiv zu sein? Müssen Hühner von Menschen zu ihrem Glück gezwungen werden?

Traum-News: Arbeiten für das schwarze Loch