129. Brief: Land des Sturms

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 129. Teil: Land des Sturms

Ich erwachte im Land des Sturms, im Land, in dem Flammen aus allen Schornsteinen züngeln. Es ist gut, wenn ein schwarzer Hund in einer solchen Umgebung knurrt, es hilft aufzuwachen.

Das Dornröschen lebt, die Tiere leben, hinter diese Geschichte kann kein endgültiger Punkt gesetzt werden. Es gibt noch unbeschriebene Blätter. Ich würde dir gern schreiben, dass in meinem Garten Rosen blühen, es gibt sie nicht. Wenn ich aus meinem Sonnenhaus auf die Straße schaue, weiß ich nicht, ob ich nach draußen zu den Menschen gehen will, die sich rütteln und schütteln. Soll auf noch allen unbeschriebenen Blättern stehen: Sie verließ nie das Haus! Wird der schwarze Hund das zulassen? Wird das Pferd, dessen Mähne weiß geworden ist, sich damit begnügen, im Garten auf der Wiese zu stehen? Immer wieder geht das Pferd zusammen mit dem schwarzen Hund für eine Weile vor die Tür, das heißt nicht, dass sie sich gut verstehen. Sie streiten sich ständig. Der schwarze Hund achtet sehr darauf, nicht kleiner zu werden als das Pferd, das gelingt ihm aber nicht immer. Die noch unbeschriebenen Blätter werden auch von den Tieren gefüllt und von den Menschen des Sturms, die schneller und stärker sein wollen als er.

Oft sitze ich am Ende des Gartens vor der Dornenhecke. Durch einen kleinen Spalt kann ich die Dunkelheit des Pferdes mit der goldenen Kapsel sehen, dabei spüre ich keine Kälte. Wenn ich anfange zu hoffen, sagt das Dressurpferd: „Nein, nein! Schau dir deinen blühenden Baum und die blauen Blumen an, hör auf zu hoffen!“

Die Fliege verbringt viel Zeit auf dem Baum und schläft. Nach über hundert Fliegenleben ist sie müde. Ich störe sie nicht. Mein Schneehund ist ständig an meiner Seite, wir reden ohne Worte miteinander, und ohne Worte sagt er mir: „Ich will nie das Sonnenhaus verlassen, ich brauche seinen Schutz und seine Wärme.“ Immer wieder verspreche ich ihm, ihn deshalb nie zu bedrängen.

Das Huhn schreibt ständig neue Geschichten, es wirklich ein kluges Huhn.

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Die Erde ist keine Kugel

 

 

128. Brief: Erwachen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 128. Teil: Erwachen

Der schwarze Hund schnappte nach dem Pferd, dessen Mähne weiß geworden war, dann nahm er mir die Bürste und die Bänder aus den Händen und schleuderte sie über das Dach des Sonnenhauses hinweg.

Mein Erwachen begann in einem Sturm. Er kam von allen Seiten, in ihm vermischten sich die Stimmen der Tiere und der weisen Frauen. Erst hörte ich nur ein Rauschen. Hatte ich geschlafen? Ich konnte mich nicht daran erinnern, mich ins Bett gelegt zu haben, und ich lag auch gar nicht, ich stand, einen Arm  erhoben. Ich versuchte, ihn nach unten fallen zu lassen, aber es gelang mir nicht.

In dem Stimmen-Sturm wurden einzelne Wörter hörbar: „Niemals, niemals, mein Wunsch, Schlaf, Tod.“ Irgendjemand berührte mich am Bein, ich spürte ein Kitzeln in meinem Ohr. „Licht, Licht, viele Sonnen, keine Erlösung, goldene Kapsel, kein Zurück.“ Etwas Großes stieß gegen meinen Körper, eigentlich hätte ich umfallen müssen. „Ich Held, arme Fliege, keiner darf mich sehen, goldene Mähne, Glanz, Superhuhn, sie kann nicht mehr reden wie ein Mensch, Schlaf gleich Tod, keine Erlösung für dieses Tier, niemals, Ekel, das Licht.“ Ich will meine Augen öffnen, dachte ich. „Gleich dem Tod, Dornröschen leben, Dornröschen leben.“ Seufzte jemand in meinem Ohr? „Dein Atem ruhig, mein Flügel.“

Ich glaube, dass ich irgendwann wieder einschlief, weil ich irgendwann wieder erwachte, und ich stand immer noch bewegungslos da. Ich bemerkte, dass meine Augen geöffnet waren, aber ich konnte nichts sehen. „Kluges Huhn, Huhn schreiben, weiße Mähne, schöner Hund, die Aufgabe, Dornenhecke.“

Irgendjemand war gestorben, das wusste ich, ich hatte Todesschreie gehört. Ich schlief wieder ein, ich wachte wieder auf. Mein Arm war nach unten gefallen. „Es gibt keine Erlösung, Dunkelheit, Schlaf.“

Leckte mir jemand über mein Gesicht? Pickte mir jemand in den Fuß? „Dornröschen leben, leben.“ Jemand knurrte, meine Augen sahen wieder Licht.

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127. Brief: Bürste und Bänder

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 127. Teil: Bürste und Bänder

Die Tiere liefen um mich herum, stießen mich an, riefen nach mir. Ich sah sie nicht, hörte sie nicht, und ich bewegte mich nicht. Das Dressurpferd riss auf einmal seinen Kopf zurück und schaute auf meinen erhobenen Arm mit der Bürste. Dann sagte es: „Sie ist zur dreizehnten weisen Frau geworden, sie hat mit ihrer Stimme gesprochen, sie hält ihre Bürste und ihre Bänder in den Händen.“

„Ich beiße ihr den Kopf ab.“ Der schwarze Hund schoss in die Höhe, bis er doppelt so groß war wie das Pferd, dessen Mähne weiß geworden war, und riss sein Maul auf.

„Du dummer Hund, wenn sie die Dreizehnte wäre, würde sie die Mähne des Dressurpferdes bürsten oder ihm mit einer Eisenstange gegen die Beine schlagen“, herrschte das Pferd ihn an.

„Sie ist die Dreizehnte, sie ist die Dreizehnte, auch ich habe ihre Stimme gehört, sie hatte den gleichen Klang!“, rief das Huhn.

Mein Schneehund mischte sich ein: „Nein, nein, nimmt denn keiner wahr, dass sie wie die zwölfte weise Frau riecht? Du bist doch auch ein Hund, du warst lange in ihrer Nähe, wenigstens du musst das riechen.“

„Die Dreizehnte ist bei mir im Sonnenhaus gewesen, sie hat mit mir gesprochen, sie hat schreckliche Dinge gesagt und getan. Ich sage euch, sie hatte die gleiche Stimme.“

„Ihr seid alle furchtbar dumm. Wenn ihr mich nicht hättet, wärt ihr verloren. Selbst wenn meine Mähne nicht mehr golden ist, habe ich immer noch den besten Durchblick. In ihr tobt ein Kampf zwischen den beiden weisen Frauen.“

Die Fliege kroch tief in mein Ohr und schimpfte: „Du kannst doch nicht alles umsonst gewesen sein lassen, das kannst du nicht tun!“

„Ich muss ihren Kopf zwischen meine Zähne nehmen, dann erschreckt sie sich und kommt wieder zu sich.“

„Du blöder Hund, nimm ihr mit deinem Maul nur die Bürste und die Bänder aus den Händen!“

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126. Brief: Erlösung jetzt

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 126. Teil: Erlösung jetzt

Jetzt musste es geschehen, die Erlösung, das Ende aller Kämpfe – das Böse für immer besiegt, so musste das sein in einer Dornröschen-Geschichte. Der schwarze Hund vergaß, dass er das Pferd, dessen Mähne weiß geworden war, nicht mochte und rückte ganz dicht an es heran. Das Huhn wankte vor und zurück, als hätte es nicht gewusst, ob es in Ohnmacht fallen sollte, mein Schneehund starrte mich mit offenem Maul an: Warum bewegt sie sich nicht? Wo war das Pferd mit der goldenen Kapsel? Es musste erlöst werden und ins Sonnenhaus kommen.

Die Erlösung jetzt, für alle Zeit.

Die Fliege krabbelte in mein Ohr, ihr Herz schlug heftig, sie glaubte, sein Schlagen hätte sich wie Donner für mich anhören müssen.

In diese Spannung hinein fing das Dressurpferd an zu sprechen: „Das Licht, es gibt nur eine Sonne. Warum kann es nicht viele geben? Keiner erwacht, der an viele Sonnen glaubt. Wie soll ich leben in dieser Welt? In diesem Garten werden niemals Rosen blühen. Wir werden nicht glücklich leben bis ans Ende unserer Tage. Ich will die Augen schließen und nur noch träumen: Das Pferd mit der goldenen Kapsel kann erlöst werden, es kann bei uns im Sonnenhaus leben. Seine Kälte wird es erbrechen, Eisklumpen werden aus seinem Maul herausfallen, und sie werden schmelzen. Jeder von uns wird seine Stirn mit diesem Wasser benetzen. Dann leben wir glücklich bis ans Ende unserer Tage. Die Rosen werden erblühen im ganzen Garten, die Dornenhecke wird sich öffnen. Für immer muss ich meine Augen schließen, wenn ich an diesen Traum glauben will. Es werden keine Rosen blühen, das Pferd mit der goldenen Kapsel wird nie das Sonnenhaus betreten, es wird für immer hinter der Dornenhecke stehen.“

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125. Brief: Der Fluch

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 125. Teil: Der Fluch

Was geschah, nachdem der schwarze Hund das Dressurpferd zum Sonnenhaus getrieben hatte, weiß ich nur, weil die Tiere es mir später erzählten. Mich traf der Fluch der dreizehnten weisen Frau, als ich die Bürste und die goldenen Bänder aufhob, die auf der Türschwelle lagen. Ich kann mich nicht daran erinnern, diese Waffen der Dreizehnten aufgehoben zu haben, aber ich tat es. Alle Tiere kämpften darum, diesen Fluch zu brechen und mich aus einem Schlaf mit geöffneten Augen aufzuwecken.

Aber erst einmal waren sie aufgeregt, weil sie glaubten, dass sich alles zum Guten wenden würde, als das Dressurpferd endlich im Garten des Sonnenhauses stand. Sie glaubten, das Dornröschen gerettet zu haben und vielleicht würden sie es auch noch schaffen, das Pferd mit der goldenen Kapsel zu erlösen. Sie warteten darauf, dass ich mich um das Dressurpferd kümmern würde. Als ich mit der Bürste und den Bändern auf es zuging, vermuteten sie, dass ich ihm einen schönen Empfang bereiten wollte. Auch als ich zu ihm sagte: „Du wirst immer bei mir bleiben, du weißt, wie gut ich zu dir bin. Goldene Bänder werde ich dir in deine Mähne flechten“, erkannten sie noch nicht die Gefahr, nicht bewusst.

Der Klang meiner Stimme hatte sich verändert. Die Fliege erinnerte sich später, doch irritiert gewesen zu sein über diesen Klang und über das, was ich sagte. Und auch das Pferd, dessen Mähne weiß geworden war und das besonders stolz war auf seine Klugheit und sein Wissen, verstand die Situation nicht sofort. Das Herz meines Schneehundes fing an zu rasen, er bekam kaum noch Luft, aber er redete sich ein, dass es die Aufregung über das nahende gute Ende gewesen wäre.

Ich stand direkt vor dem Dressurpferd, hob die Hand mit der Bürste, dann erstarrte ich in der Bewegung, mit offenen Augen stand ich da.

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