Ein Nacht-Huhn ohne Taschenlampe

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei. Ist ein Nacht-Huhn mit Taschenlampe glücklicher?

Manchmal frage ich mich, wer ich bin. Natürlich bin ich ein Huhn, aber bin ich heute noch dasselbe Huhn wie gestern? Will ich das überhaupt? Und was geschieht während der Übergänge? Wie verläuft der Weg vom Gestern-Huhn zum Morgen-Huhn? Bin ich dazwischen ein Nacht-Huhn, das kaum seine Flügel vor Augen sieht?

Ich stelle mir vor, dass eine solche Nacht lange dauern kann. Vielleicht ist es sogar eine Nacht ohne Mond und Sterne, in der ich bedrohliche Geräusche höre und nicht weiß, was sie bedeuten. Weiß ich zumindest, wann die Sonne wieder aufgehen wird? Vielleicht geht sie an einem ganz anderen Ort auf, und die Bäume haben plötzlich rote Blätter. Das ist unmöglich, das ist mir bewusst, aber die Welt kann für mich als Morgen-Huhn anders aussehen. Jetzt sehe ich die Sonne normal am Himmel stehen. Aber vielleicht bin ich gleichzeitig schon in der Nacht und weiß es nur noch nicht, weiß nicht, dass alles um mich dunkel ist.

Gibt es für einen solchen Zustand eine Taschenlampe? Dann könnte ich versuchen, die neuen Umrisse meiner Flügel vor mir zu sehen. Nein, ich weiß, meine Flügel werden immer noch die gleiche Form haben, ich meine das bildlich. Aber meine Flügel werden sich vielleicht anders bewegen, so etwas ist möglich. Wenn ich ein glückliches Huhn bin, bewege ich sie anders, als wenn ich ein unglückliches Huhn bin. Wer sagt mir, ob ich unbedingt glücklicher sein werde, wenn ich durch eine solche Nacht gegangen bin? Vielleicht werde ich nur noch weinen und die Sonne, diesen Feuerball, auf mich zurasen sehen. Wahrscheinlich ist genau diese Angst ein Zeichen dafür, dass etwas geschieht. Ich bin in der Nacht, ich sehe den Mond nicht, und ich habe keine Taschenlampe.

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Endlich mehr Zeit für die Arbeit

Link: Stufen (Gedicht von Hermann Hesse)

Eine Uhr in jeder Feder und in jedem Zeh

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Der unbeachtete kleine Zeh ist die Uhr der letzten Grenze.

Zeit ist das, was Menschen mit der Uhr messen – oder Zeit ist das, was ich in jedem Organ, in jedem Glied und in jeder einzelnen Feder spüre. Wahrscheinlich glauben Menschen an die Uhr, weil sie ihren kleinen Zeh nicht zu schätzen wissen. Er ist zu weit entfernt vom Kopf, vom Gehirn, von allem, was wesentlich ist. Und er ist nicht sehr beweglich, nicht ansehnlich, er kann nicht beeindrucken, hat keine Größe, keinen Glanz.

Ich behaupte, in ihm und auch in meinen anderen Zehen und in meinen Federn lebt die Zeit. Ja, ich glaube sie lebt! Und ich kann mich mit ihr unterhalten, nicht direkt, aber über meine Federn. Sie  wachsen, sie fallen mir aus, so sprechen sie mit mir. Und ich rede ihnen gut zu. Ich sage ihnen, wie wichtig und wie schön sie sind und wie traurig ich bin, wenn sie mich verlassen. Ein Mensch, der mit seinen Haaren spräche, würde vielleicht noch als normal durchgehen. Aber welchen Eindruck würde ein Mensch machen, der mit seinem kleinen Zeh spräche? Dabei hat gerade er besonders viel zu sagen, er ist der Zeit am nächsten, weil er so wenig beachtet wird, er wird nicht zurechtgemacht, nicht geliftet. Vielleicht wird er mit etwas Farbe angepinselt, aber auch so führt er ein Schattendasein gegenüber den größeren Zehen.

Dabei trägt er jeden Schritt mit, wenn der Mensch sich fortbewegt, er fühlt Wärme, Frost und Schmerz. Wahrscheinlich ist er der erste, der erkaltet, wenn das Leben aus dem Körper weicht. Der kleine Zeh, der Pionier auf dem Weg in das letzte unbekannte Land. Das verzeihen ihm die Menschen nicht. Er sagt zu sehr die Wahrheit, er schmeichelt nicht. Er rennt einfach über die letzte Grenze. Es dauert nicht lange, bis das bisschen Fleisch von seinen Knochen gefallen sein wird. Das verzeihen ihm die Menschen nicht.

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Ein Nacht-Huhn ohne Taschenlampe

Link: Wie wir sterben

Ein Huhn als Spiegelbild

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Welcher Mensch will im Huhn sein Spiegelbild sehen?

Ob es für einen Menschen schrecklicher ist, sich in einem Huhn wiederzuerkennen, oder ob es für ein Huhn geradezu ein Alptraum ist, im Menschen das eigene Spiegelbild zu finden, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass kleine Gemeinheiten den Alltag beleben können – den Alltag von Hühnern und den Alltag von Menschen. Ostern ist für mich ein Fest der kleinen Gemeinheiten, ich freue mich jedes Jahr darauf, und jedes Jahr werde ich besser und raffinierter. Irgendwie ist das, was ich tue, auch gerecht, aber darum geht es nicht. Ich will nicht gerecht sein, ich will ein bisschen böse sein.

Die besten Orte dafür kenne ich mittlerweile genau, dort müssen Kinder wohnen, und man muss etwas verstecken können, unter einem Strauch, in einer Wiese, hinter einem Baum. Schon Tage vorher hoffe ich, dass das Wetter gut sein wird. Wenn Ostern warm und wolkenlos ist, wird es ein perfekter Tag. An diesem Tag wollen Menscheneltern ihren Kindern eine Freude machen – wenn es nicht das kleine, böse Huhn gäbe.

Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen! Ich lege mich auf die Lauer und warte, bis die Mutter oder der Vater Eier und Süßigkeiten versteckt hat und zum Rest der Familie zurückkehrt. Dann muss es ganz schnell gehen. Ich hacke mit meinem Schnabel alles kaputt. Besonders bei Schokoladeneiern gibt es für mich kein Halten mehr, sie sind bei Kindern sehr beliebt, entsprechend laut ist ihr Weinen. Wenn ich dann noch Sand in die zerhackte Süßigkeit streue, ist die kleine Gemeinheit perfekt. Ich muss mich sehr beherrschen, um nicht lustvoll zu schreien: Böses Huhn, böses Huhn! 

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Eine Uhr in jeder Feder und in jedem Zeh

Link: So kam der Hase zum Osterei

 

Das Unterbewusstsein eines Huhns

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Ein Huhn mit einem Unterbewusstsein kann sich selbst eine Falle stellen.

Was den Menschen auszeichnet ist nicht sein Intellekt, sondern sein Unterbewusstsein. Das will er natürlich nicht wissen. Wenn man ihn fragen würde, ob Tiere ein solches Bewusstsein haben, würde er es wahrscheinlich für ausgeschlossen halten. So komplex kann doch kein Tier sein.

Ich bestehe darauf, komplex zu sein!

So ein Unterbewusstsein hat natürlich auch Nachteile. Weiß ich wirklich noch, wer ich bin? Ich glaube, ein kluges Huhn sein zu wollen. Aber was ist, wenn es noch ein ganz anderes Huhn in mir gibt? Kann es sein, dass etwas in mir sich danach sehnt, dumm zu sein? Wenn das ein unbewusster Wunsch sein sollte, werde ich das nie wissen. Ist dieses geheimnisvolle Etwas in mir so dumm, sich Dummheit zu wünschen? Bei Menschen könnte man den Eindruck gewinnen, dass so etwas Absurdes möglich ist.

Auf jeden Fall ist das Leben mit einer verborgenen Welt spannender. Vielleicht ist sie gar nicht vollkommen ungreifbar, es gibt Träume, es gibt Fantasien. Wenn ich nur genau hinschaue, wer weiß, was ich dann alles über mein Huhnsein herausfinden kann. Ich habe noch nie davon geträumt, dumm sein zu wollen. Wirklich nicht! Das würde der Mensch wahrscheinlich auch von sich behaupten, und trotzdem verhält er sich oft so, als wäre ein schlichtes Weltverständnis sein oberstes Ziel. Also träume ich vielleicht doch davon und kann mich nur nicht erinnern?

Wenn ich mich auf einer Wiese ausruhe, versuche ich mir vorzustellen, dass dieses unbekannte Huhn in mir direkt neben mir sitzt. Aus den Augenwinkeln schaue ich es an, natürlich kann ich es nicht sehen, das weiß ich. Aber wenn ich so tue als ob, wird es vielleicht doch irgendwie sichtbar oder sogar hörbar. Und dann geschieht es, gerade in dem Augenblick, als es anfängt zu sprechen, glaube ich ganz dringend etwas erledigen zu müssen und höre gar nicht hin. Will ich doch ein dummes Huhn sein?

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Ein Huhn als Spiegelbild

Link: Beim Psychiater (Cartoon)

Ein Huhn das kein Suppenhuhn ist

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Ein Suppenhuhn hat eine Geschichte, weil es ein Huhn der Menschen ist.

Ich bin kein Hühnerfilet, kein Suppenhuhn, kein Chicken MacNugget – kein Huhn der Menschen. Das ist ein Problem! Welche Geschichte hat ein solches Tier? Ich kann keine für mich finden, keine glückliche. Und selbst wenn ich eine Geschichte über Befreiung und Mut von mir erzählen könnte, müsste ich sie erst erfinden – für Zuhörer, die es gar nicht gibt.

Ein unmöglicher Schritt, ein großer Schritt, ein Schritt ins Unbekannte, vielleicht sogar ins Sinnlose?

Die Geschichte die es nicht gibt für Zuhörer die es nicht gibt

Es war einmal ein Huhn, das hatte großes Glück, in letzter Minute schaffte es, aus dem Schlachthof zu fliehen. Es rannte und flog und rannte und flog, bis ihm fast das Herz stehen blieb. Es brauchte lange, bis es verstanden hatte, dass es dem Tod entkommen war, und dann glaubte es für einen Augenblick, ein glückliches Huhn zu sein. Aber wie sollte es leben? Es verhungerte und verdurstete nicht, es fand Nahrung und Wasser. Ruhe fand es keine, immer musste es aufpassen, nicht wieder von Menschen eingefangen zu werden, und oft hatte es Alpträume. In diesen Träumen versank es in Milliarden Hühnergebeinen. Sie schrien: „Warum hast du überlebt, warum mussten wir sterben? Welches Recht hast du, glücklich zu sein? Rette uns, auch für uns muss es Erlösung geben!“

Das Huhn war gefangen in seiner Freiheit, es aß, es trank, aber es fand keine Geschichte für sein Leben, die nicht überschattet wurde von Milliarden Hühner-Geschichten, die nur von Menschen erzählt wurden.

Oft saß es unter einem Baum und sagte: „Es war einmal, es war einmal, es war einmal ein Huhn, es war einmal…“, dann schaute es sich um, aber da war niemand, der auch nur diesem Stammeln lauschte.

„Es war einmal, es war einmal… Huhn, Huhn…

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Das Unterbewusstsein eines Huhns

Link: Die Tyrannei der falschen Freiheit