Wenn ein Mensch mich Else riefe

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Was wäre ich für ein Huhn, wenn ich Else hieße?

Ich weiß nicht, was der Name Else für Menschen bedeutet, was er für einen Klang hat, ob er Sympathie auslöst, genauso geht es mir mit Erna, Marie und Heidi. Es gibt Menschen, die Hühnern solche Namen geben, das soll eine Auszeichnung sein. Es muss mich nicht interessieren, ich habe keinen Namen, aber vielleicht geht es auch um Hühner-Rechte, dann werde ich hellhörig.

Versuchen Menschen, Gott zu spielen, wenn sie ihre Hühner beim Namen rufen? „Ich nannte das Huhn Erna, damit wurde es zu meinem Huhn, und ich sah, dass es gut war. Ich bestimmte, wann und was es aß, ich bestimmte, an welchem Ort es schlief. Ich wusste, dass es in meinen Händen lag, wie lange es leben würde, und ich sah, dass es gut war. Ich war ein guter Gott, ich fühlte meine Kraft und meine Herrlichkeit. Der Ort, an dem ich wohnte, wurde immer mehr zu dem Ort, den ich erschuf. Erna kam, wenn ich sie rief, und ich sah, dass es gut war. Sie sollte lange leben, meine Herrschaft sollte von Dauer sein. Ich wurde besorgt, wenn Erna den Kopf hängen ließ, ich schlief nicht mehr, wenn sie erkrankte. Ich war ein liebender Gott, ich bezahlte sogar die Rechnungen für den Arzt. MEINE Erna, MEINE Erna!“

Als Huhn, das keinen Namen hat, muss ich zugeben, dass ich mich mit Hühnern, die Erna, Heide oder Marie heißen, nicht verstehe. Wenn ich mit ihnen rede, gibt es immer Streit. Das liegt nicht daran, dass sie ihre Götter verteidigen, das tun sie gar nicht. Aber sie wollen das Gefühl haben, ein gutes Leben zu führen.

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Huhn-Phantasien im Märchenwald

Link: Was Namen für Kaninchen über Menschen verraten

Der Apfelkern und die Huhn-Macht

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Wenn ein Huhn mit einem Apfelkern einen Baum pflanzen will, wird es schwierig.

Ein Apfelkern scheint nichts Besonderes zu sein. Bis zu einem sonnigen Herbsttag im vergangenen Jahr habe ich mir nie Gedanken über Apfelkerne gemacht, aber seitdem verfolgt mich ein spezieller Kern. Als könnte er mir über Raum und Zeit hinweg Vorwürfe machen. Ich sage es nicht gern, aber manchmal bin ich doch nur ein Huhn, und Hühner pflanzen keine Apfelbäume.

Trotzdem versuchte ich genau das. Ich hatte den Kern schon aus einem halb aufgegessenen Apfel herausgepickt. Ich war stolz auf mich, weil ich den für ein Huhn wahnwitzigen Gedanken gehabt hatte, einen Baum zu pflanzen. Ich stand auf einer Wiese und fragte mich, wo ich den Kern in die Erde legen sollte und wie tief das Loch sein müsste, um dem zukünftigen Baum einen guten Start zu ermöglichen. Ich stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte. Aber ich hatte die Macht, eine Entscheidung zu treffen. Reichte es, ihn einfach ein bisschen in den Boden zu drücken? Wie stellt es ein Apfelkern an, dass aus ihm ein Baum wird? Er kann sich ja nicht selbst eingraben. Vielleicht war mein Eingreifen überflüssig. Aus einem stolzen Huhn wurde innerhalb kürzester Zeit ein unglückliches Huhn.

Ich hätte den Kern zerbeißen und verschlucken können, auch das wäre eine Entscheidung gewesen. Dann hätte ich ihn aber jeder Chance beraubt, ein Baum zu werden. Ich behielt den Kern im Schnabel. Meine Gedanken rannten hin und her, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte. Ich wollte, dass aus dem Apfelkern ein Baum wird. Schließlich konnte ich vor Aufregung auch meine Beine nicht mehr stillhalten. Ohne es zu bemerken, lief ich auf eine Straße, ein Auto raste auf mich zu. Ich stieß einen Angstschrei aus, der Kern fiel aus meinem Schnabel, und ich flog davon.

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Wenn ein Mensch mich Else riefe

Link: Einen Apfelbaum selbst aus einem Keim ziehen

Schmerzfreie Gedankenfreiheit

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei. Für Gedankenfreiheit verknote ich nicht meine Flügel oder Beine.

Gedankenfreiheit kann politisch betrachtet werden. Natürlich bestehe ich als Huhn darauf, dass meine Gedanken frei sind. Aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, von dem endlosen Kopfgerenne frei zu sein. Dafür machen Menschen die verrücktesten Dinge. Sie setzen sich hin, verknoten ihre Beine, bis die Schmerzen kaum noch auszuhalten sind. Das soll nicht nur gut sein, es soll auch etwas geradezu Heiliges sein. Die Menschen glauben, dadurch bessere Menschen zu werden. Wer nicht denkt oder sich nicht von seinen Gedanken gefangen nehmen lässt, kann denken, etwas Besonderes zu sein. Und schon ist der nächste Gedanke da, und er ist so wunderbar, dass er in einer endlosen Schleife durch den Kopf jagt: Ich habe Schmerzen in den Knien von diesem Sitzen und werde ein besserer Mensch, ich ertrage diese schrecklichen Schmerzen, ich mache das wirklich gut, ich bin toll, ich bin klasse, ich schreite auf der evolutionären Leiter des Menschseins nach oben.

Wenn der Mensch es wirklich ernst meint mit dem schmerzhaften Sitzen, wird er in seinem Streben nach Gedankenfreiheit natürlich auch denken: Ich darf nicht so überheblich sein, ich will gut werden, richtig gut, und weil ich das will und mich tadele für meine Eitelkeit, bin ich besser als die anderen. Jetzt bin ich wirklich gut, jetzt bin ich eine Sprosse höher gestiegen.

Nein, diese Gedanken nehmen kein Ende. Wenn der Mensch es wirklich ernst meint, muss er sich wieder tadeln. Vielleicht laufen ihm schon die Tränen über die Wangen vor Schmerz, aber er tadelt und tadelt sich und wird besser und besser. Irgendwann wird er die volle Erlösung erlangen, davon ist er überzeugt, und dann ist er der aller beste. Natürlich wird er so etwas Niederes dann nicht mehr denken.

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Der Apfelkern und die Huhn-Macht

Link: Meditierender Hund

Nachtwanderungen unter der Sonne

Das IQ-Huhn erklärt die Welt, exakt, prägnant, fehlerfrei – fast fehlerfrei: Während meiner Nachtwanderungen treffe ich die klügsten Hühner.

Die Sonne scheint oft tagsüber weniger hell und warm als bei meinen Nachtwanderungen. Die Wege, die ich in solchen Nächten zurücklege, führen durch blaue Graslandschaften, die Blätter der Bäume leuchten rot. Wenn ich morgens in mein normales Huhnleben zurückkehre, sieht auch diese Welt anders aus. Ich öffne meine Augen, und ich weiß, dass ich in meinen Träumen etwas entdeckt habe, was ich noch nicht ganz klar vor mir sehen kann, aber irgendetwas ist geschehen. Es ist ein friedliches Erwachen.

Ich weiß nicht genau, was ich geträumt habe, aber ich weiß, dass ich einen weiten Weg gegangen bin. Manchmal habe ich noch die Stimmen von anderen Hühnern im Ohr, denen ich auf meiner Nachtwanderung begegnet bin. Es müssen kluge und freundliche Hühner gewesen sein, sonst hätte die Sonne nicht heller und wärmer geschienen als am Tag. Wenn ich im Wachzustand die Stimmen meiner Traum-Artgenossen nur noch aus der Ferne höre und nicht verstehen kann, was sie sagen, begleiten sie mich trotzdem.

Ich verbringe oft viele Tage damit, diesen Stimmen zu lauschen. Sie wollen mir etwas Wesentliches sagen, davon bin ich überzeugt. Kurz bevor ich abends einschlafe, versuche ich nach ihnen zu rufen. Ich kann nicht sagen, dass dieser Ruf klar und deutlich beantwortet wird, als würde ich direkt mit meinen nächtlichen Begleitern sprechen können. Aber irgendetwas verändert sich, ich kann nicht sagen, wie es geschieht oder was genau geschieht. Ich sehe plötzlich einen Weg, der vorher verborgen war, gar nicht denkbar war, als hätte ich ihn erst auf meinen Nachtwanderungen finden müssen.

Wahrscheinlich sind diese nächtlichen Wanderungen schwerer und beschwerlicher als ich sie mir vorstelle, vielleicht sind sie sogar richtig gefährlich, aber auch unverzichtbar.

 

Das IQ-Huhn erklärt die Welt: Schmerzfreie Gedankenfreiheit

Link: Traumzeit