114. Brief: Wärme

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 114. Teil: Wärme

Um den Baum, unter dem die zwölfte weise Frau saß, wurde es ruhig, kein Vogel sang, keine Maus kam aus ihrem Loch hervor, die Wölfe heulten nicht, und selbst der Sturm schien für einen Augenblick seine Kraft zu verlieren. Es wurde dunkel und kalt, das Pferd mit der goldenen Kapsel näherte sich der weisen Frau.

Sie fragte sich, ob sie sich geirrt hatte, als sie ihm gesagt hatte, dass keine Wandlung möglich sei. Hatte sie in all den Jahren, in denen sie um das Leben des Dornröschens gekämpft hatte, nicht ständig etwas Neues lernen müssen? Immer wieder war das Dornröschen dem Tod nahe gewesen, immer wieder hatte sie es retten können. War es weise, für das Pferd einen Weg ins Lich und in die Wärme zu suchen, oder  musste sie ihm jede falsche Hoffnung nehmen. Musste sie sich vielleicht sogar eingestehen, dass sie nicht wusste, was noch möglich war? Würde sie den Schmerz des Pferdes verlängern, wenn sie ihm einen Rest Hoffnung ließ? Wen hätte sie fragen können? Sie stand auf, ging nah an das Pferd heran und berührte seine Stirn. Wenn ich nur in deine Dunkelheit eindringen könnte, vielleicht würde ich dann mehr wissen, dachte sie, und schon löste sich jeder weitere Gedanke in der Dunkelheit und Kälte des Pferdes auf. Die weise Frau entfloh seiner Nähe, bevor sie das Bewusstsein verlor.

Sie rief nach der Eule, nach den Wölfen, nach dem Licht des Mondes und nach allen Tier, die die Geschichte des Dornröschens erzählen sollten. Keiner antwortete ihr. Nur das Schreien des Pferdes mit der goldenen Kapsel Hals drang auf sie ein wie der Sturm: „Ich will auch im Sonnenhaus leben, ich will nicht, dass die Welt um mich herum gefriert und verschlungen wird. Hilf mir!“

Zum 115. Brief: Eisenstange

 

113. Brief: Depressionen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 113. Teil: Depressionen

Während ich in meiner Vorstellung das Huhn vor mir sah, wie es unter dem Baum mit den weißen Blüten stand und mit jedem Atemzug die blauen Blumen zum Schrumpfen brachte, hörte ich, wie es hinter mir anfing zu schreien: „Ich werde niemals Eier lege, ich bin kein richtiges Huhn, ich bin verloren! Kann mir keiner helfen?“

Ich erinnerte mich an die Hinweise des Sonnenhauses: Sprich niemals das Huhn auf Eier an, es könnte in tiefste Depressionen verfallen. Warte nicht auf ein Ei, hoffe nicht darauf.

Ich traute mich nicht, mich umzudrehen und das Huhn anzuschauen. Den Schrecken, den ich im Garten zu sehen erwartet hatte, hörte ich jetzt in den Schreien. Das Pferd, dessen Mähne weiß geworden war, blieb ruhig und sprach: „Schau in den Garten, siehst du, wie klein die blauen Blumen schon geworden sind? Bald wirst du sehen, wie schön sie sind, was sie dir geben können. Schau hin! Der Garten hat auch eine große Wiese, auf der zwei Pferde und ein schwarzer Hund Platz haben werden, wenn er endlich aufhört, immer gigantisch groß sein zu wollen.“

„Ja, aber das Huhn! Hörst du nicht, wie es schreit?“

„Du wirst ihm viele Briefe schreiben müssen, immer wieder muss es lesen, dass es ein besonderes Huhn ist, damit es nicht verzweifelt, weil es keine Eier legen kann.“

„Es wird niemals Eier legen?“

„Nein, niemals.“

„Aber dagegen kann man vielleicht etwas tun! Schau dich an, ich habe jeden Tag deine Narben mit Tinktur und Salbe eingerieben, deine Narben sind verschwunden, dir ist ein neues Fell gewachsen. Man sieht nichts mehr. Vielleicht gibt es irgendein Mittel, das dem Huhn hilft, Eier zu legen.“

Zum 113. Brief: Wärme

Link: Das Leben mit dem „schwarzen Hund“

112. Brief: Chor der Tiere

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihren Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 112. Teil: Chor der Tiere

Die zwölfte weise Frau spürte den Kampf des Dressurpferdes. Die Zeit war gekommen, mit den Tieren, die die Geschichte des Dornröschens erzählten, ein Rudel aufzubauen. Noch einmal sah sie den Wölfen bei der Jagd zu, noch einmal lauschte sie ihrem Heulen. Im Kopf der weisen Frau mischte sich das Heulen mit den Stimmen der Dornröschen-Tiere, ein Chor, der unterschiedliche Melodien sang.

Die Stimmen der Wölfe: „Wir gehören zusammen, wir spielen und jagen zusammen, wir ziehen gemeinsam durch die Wälder.“

Die Stimmen der Tiere: „Ich bin der schwarze Hund, ich bestimme, wie groß ich bin, ich bestimme meine eigene Geschichte, ich bin eine arme, kleine Fliege, jeder schlägt nach mir, ich werfe mich in den Sturm, um das Dornröschen zu retten, ich bin der Schneehund, keiner darf mich sehen, ich bin ekelig, hässlich, ich will unter dem Baum mit den weißen Blüten sitzen, sie sind rein und schön, ich bin das Pferd, dessen Mähne weiß geworden ist, mit mir kann man sich sehen lassen, ich kann reden, ich kann erzählen, ich bin das Dressurpferd, ich muss das Licht sehen, wenn ich das Licht nicht sehe, sterbe ich, ich sehe nur noch Dornen, ich werde sterben, Licht, Licht, Licht.“

Eine Stimme erklang nicht in dem Chor, die Stimme des Pferdes mit der goldenen Kapsel. Dieses Tier war stumm, und es hatte keinen Ort, an dem es dauerhaft leben konnte, ohne alles um sich herum in Dunkelheit und Kälte zu reißen, jeden Baum, jede Blume, jedes Wort, jeden Gedanken. Und obwohl dieses Pferd stumm war, hörte die zwölfte weise Frau sein Schreien, es war lauter als das Heulen eines ganzen Rudels, es war lauter als alle Stimmen der Tiere zusammen, es schrie: „Gibt es für mich keine Erlösung? Ich bin allein, selbst der Schneehund ist nicht mehr in meiner Nähe. Warum gibt es für mich keinen Weg ins Licht? Soll ich immer so leben, darf ich mich nie dem Sonnenhaus nähern?“

Zum 113. Brief: Depressionen

Link: Das Geheimnis der Kreativität

111. Brief: Liebe

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder, ein modernes Märchen, Poesie. 111. Teil: Liebe

Die dreizehnte weise Frau hatte ihre Hand auf den Hals des Dressurpferdes gelegt, sie spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Es sah die Dornenhecke, das wusste die Dreizehnte. Ihr Stimme klang wie Gewehrschüsse, sanfte Worte nur noch Drohung:

„Du siehst das Licht der vielen Sonnen, nur hier findest du das, was du brauchst, wenn du hier nicht stehen bleibst, bist du verloren. Die Menschen sind gut zu dir, ohne mich würdest du gar nicht wissen, was gut für dich ist. Würde ich dich belügen? Würde ich dir jemals sagen, dass dort eine Dornenhecke wächst, obwohl dort das hellste Licht erstrahlt. Es gibt teuflische Wesen, die würden dir solche Lügen erzählen. Wenn die Menschen, die in dem Haus der vielen Sonnen arbeiten, an dir vorbeigehen, wolle sie dir etwas mitteilen, und was sie dir mitteilen, ist getragen von Liebe. Es gibt keine bessere Liebe für dich, sie ist voller Weisheit, sie ist warm, sie beschützt dich. Siehst du das Licht? Sag mir, ob du das Licht sieht! Sag mir, dass ich gut zu dir bin!“

„Ja, ich sehe das Licht, ja, du bist gut zu mir, du warst immer gut zu mir, ich werde bei dir bleiben.“

Die Dreizehnte bohrte ihre Finger in den Hals des Dressurpferdes. Sie hörte, dass es sie belog, dass es deutlich sah, wie die Dornenhecke am Haus der vielen Sonnen immer schneller wuchs. Die Fenster waren kaum noch zu sehen, nur durch einen schmalen Spalt konnte das Haus überhaupt noch betreten werden. Die Dreizehnte zog eine Eisenstange aus der Innenseite ihres Mantels hervorzuholen.

„Du bist gut zu mir, du warst immer gut zu mir. Ich spüre, wie das Licht der vielen Sonnen meinen ganzen Körper wärmt. Ich werde bei dir bleiben.“

Zum 112. Brief: Chor der Tiere

Link: Wer hat Angst vorm schwarzen Hund

110. Brief: Die weißen Blüten

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 110. Teil: Die weiße Blüten

Die Welt um mich herum schien sich aufzulösen. Meine Hand lag auf der Schulter des Pferdes, dessen Mähne weiß geworden war, nur dadurch spürte ich meinen Körper.

Es sagte: „Wenn du deine Hand dort liegen lässt, kommen wir nicht gemeinsam  die Treppe runter, sie ist zu schmal, wenn wir beide nebeneinander gehen.“ Ich schaffte es nicht, mich zu bewegen, ich glaubte, wie das Huhn in Ohnmacht fallen zu müssen. „Halt dich an meinem Kopf fest, und geh vor mir her!“

Ich glitt mit der Hand über seinen Körper, am Hals entlang, an den Ohren vorbei, und ich blieb stehen. Erst als das Pferd sich bewegte, war ich gezwungen, einen Schritt voranzugehen, wenn ich nicht vom ihm umgestoßen werden wollte. Ich weiß nicht, ob es nur eine Minute oder eine Stunde dauerte, bis wir unten an der Tür ankamen, die in den Garten führte. Ich weiß nur, dass ich immer erst den nächsten Schritt machte, wenn die Bewegung des Pferdes mir keine andere Wahl ließ. Mein Blick war nach draußen gerichtet, ich starrte auf den Baum mit den weißen Blüten, aber ich sah ihn nur verschwommen. Als das Pferd sagte: „Jetzt stell dir das ohnmächtige Huhn vor!“, war ich erleichtert. Ich hatte befürchtet, das Pferd würde mich auffordern, in den Garten hinauszugehen, aber ich brauchte mir nur das Huhn vorzustellen.

„Es liegt nicht unter dem Baum mit den weißen Blüten, aber stell dir vor, es läge dort. Es atmet tief ein und aus, riecht den Duft der weißen Blüten. Es fängt an, seine Füße und seine Flügel zu bewegen. Der Duft strömt mich jedem Atemzug durch seinen ganzen Körper. Es öffnet die Augen, es sieht nur dieses Weiß, von dem der Duft ausströmt. Es steht auf, schaut nach oben zu den blauen Blumen, die den Himmel verdecken. Weiter atmet es den Duft der weißen Blüten ein, und mit jedem Atemzug werden die blauen Blumen kleiner. Siehst du, wie sie kleiner werden? Irgendwann wirst du erkennen und riechen, was sie dir geben können.“

Zum 111. Brief: Liebe

Link: Achtsamkeit – die neue Glücksformel?