88. Brief: Guter Hund

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 88. Teil: Guter Hund

Während der schwarze Hund langsam durch die Straßen der Stadt schritt, um mich zum Sonnenhaus zurückzutragen, schloss ich die Augen. Ich spürte jede Bewegung des massigen Körpers, als wäre es meine eigene gewesen. In diesen Bewegungen war Ruhe, in ihnen war Kraft, kein Zögern, kein Zittern, so hätte es endlos weitergehen können.

„Du bist ein guter Hund“, sagte ich.

„Ich bin ein Hund, der weiß, dass du Fehler gemacht hast.“ Während er sprach, merkte ich, wie sich der Rhythmus seiner Worte den Schritten anpasste.

„Was habe ich falsch gemacht?“

„Du quälst den Hund, den du Polarwolf nennst. Du gibst ihm einen Namen, der dir gefällt. Du willst ihn zwingen, sich zu zeigen, dabei gebrauchst du Worte, die ihm Angst machen. Und dann wunderst du dich darüber, eine gefährliche Stimme zu hören.“

„Ich wollte ihm helfen. Und woher weißt du das überhaupt?“

„Ich rieche und höre alles, wenn es um das Dornröschen geht. Ich bin der schwarze Hund, ich bin da, um ihm das Leben zu retten. Deshalb weiß ich, dass deine Art, ihm helfen zu wollen, nur noch mehr Qual, nur noch mehr vergeudete Zeit bedeutet. Wie soll ich für mich eine neue Geschichte finden, wenn keiner weiß, wie er mit dem Dornröschen umgehen muss? Höre auf, es zu quälen.“

„Wieso hat mir das Sonnenhaus nicht gesagt, dass ich etwas falsch mache?“

„Vielleicht weiß das Sonnenhaus, dass du auf mich hören musst. Keiner will auf mich hören, aber wer das Dornröschen retten will, muss auch mit mir sprechen.“ Er knurrte und blieb stehen. „Jetzt rede ich schon wie die zwölfte weise Frau. Ich bin der schwarze Hund.“

„Du bist ein guter Hund.“

„Ich will jagen, ich will töten.“

„Du willst dir eine neue Geschichte suchen. Es war einmal ein schwarzer Hund, der das Dornröschen retten wollte. Er spürte sofort, wenn Menschen, die versuchten, dem Dornröschen zu helfen, Fehler machten.“

Zum 89. Brief: Schneehund

Link: Weder deutsch noch Volk (Märchen)

87. Brief: Spielzeugfiguren

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 87. Teil: Spielzeugfiguren

Ich hatte glaubt, den schwarzen Hund beruhigen zu können, als ich ihm gesagt hatte, er sei bereits ein Held. Das Gegenteil geschah. Er heulte auf wie ein ganzes Rudel Wölfe und rannte, als hätte er keine Gnade mehr gekannt, als hätte er jetzt sofort den Feind erlegen müssen. Er lief schneller und schneller und schrie mich an:„Dir werde ich zeigen, wer du bist! Was glaubst du, warum ich zu dir gekommen bin, warum ich dich auf meinen Rücken gesetzt habe? Eigentlich müsstest du es besser wissen, du bist bei den Wölfen gewesen, du hast mit ihnen gejagt, und jetzt willst du so tun, als wärst du die zwölfte weise Frau. Weißt du wirklich nicht mehr, wer du bist? Du willst jagen, du willst töten. Keiner kennt mich besser als du.“

Vom Rücken des schwarzen Hundes sahen die Menschen aus wie Spielzeugfiguren. Wie leicht konnten sie zertreten und vernichtet werden. Hörten sie nicht das Heulen und Knurren, spürten sie nicht den Atem des riesigen Tieres, nahmen sie nicht den Schatten wahr, der an ihnen vorbeilief?

War das wirklich ich, die da rief: „Spielzeugfiguren seid Ihr, ohne Sinn und Verstand, Ihr spürt gar nichts mehr. Ihr wollt nur schneller sein als der Sturm. Seht Ihr nicht, wie stark ich bin, fürchtet Ihr Euch nicht? Renn schwarzer Hund, renn! Keiner kann sich uns entgegenstellen!“

Abrupt blieb er stehen, ich wäre fast über seinen Kopf nach vorn geschleudert worden.

„Willst du, dass ich töte?“

Wieder pochte mein Herz, als hätte jemand mit einem Hammer auf Stahl geschlagen.

„Soll ich die Menschen um uns herum zertreten oder ihnen den Kopf abbeißen? Wer soll der erste sein? Willst du, dass ich töte?“

Ich weiß nicht, wie lange ich überlegte, bis ich ihm antwortete. Waren es nur Sekunden, oder standen wir wie in Stein gehauen Monate dort, bis ich sagte: „Bring mich zurück zum Sonnenhaus, wir müssen die schreckliche Stimme vertreiben.“

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Link: Ego-State-Therapie

86. Brief: Kopf abbeißen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 86. Teil: Kopf abbeißen

„Ich muss allen den Kopf abbeißen, aber das Dornröschen – es war einmal ein schwarzer Hund“, sagte er und fing an zu knurren.

Ich klammerte mich in seinem Fell fest, um nicht runterzufallen. Er schlich durch die Straßen der Stadt, als wäre er auf der Jagd gewesen.

„Zumindest ein paar Menschen müsste ich den Kopf abbeißen. Die zwölfte weise Frau hat eine Maus totgebissen, vielleicht weiß sie jetzt endlich, was es heißt, ein schwarzer Hund zu sein. Oder wenn ich nur ein Bein abbeiße, ein Bein könnte die weise Frau mir ruhig zugestehen, nur ein Bein ist sehr gnädig. Mein Maul ist dafür geschaffen, einen Menschen im Ganzen zu verschlingen – es war einmal ein schwarzer Hund. Die weise Frau hat den Wölfen bei der Jagd zugeschaut, im Grunde will sie dasselbe wie ich, sie will jagen, sie will töten, und sie will das Dornröschen retten. Kann man es rette, ohne zu töten? Es war einmal ein schwarzer Hund, der hatte sich vorgenommen, das Dornröschen nicht zu verschlingen, er wollte der Held in der Geschichte sein. Soll ich nur Mäuse und Ratten verschlingen? Dafür ist mein Maul nicht geschaffen. Wenn ich zumindest einem Menschen ein Bein abbeiße, hört vielleicht endlich jemand zu. Selbst die weise Frau verlässt den Wald nicht, weil sie befürchtet, sie könnte jemanden umbringen. Irgendwann wird sie so gierig auf die Jagd sein, dass selbst die Wölfe bereit sein werden, sie bei sich aufzunehmen. Sie wird mit ihnen heulen und Schafe reißen gehen. Ein Bein wäre sehr gnädig, es wäre schon fast lächerlich.“

Ich sagte: „Es war einmal ein schwarzer Hund, der trug mich zurück zum Sonnenhaus und vertrieb die schreckliche Stimme. Er ist ein richtiger Held, ohne zu töten.“

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Link: Dornröschen und die Nibelungensage

 

 

85. Brief: Engel

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 85. Teil: Engel

Ich war zu schwach, um wieder aufzustehen, bewegungslos blieb ich am Boden liegen. Ich hörte eine Stimme, die mir nicht vertraut war, trotzdem ahnte ich, dass es die Stimme des Tieres war, das noch nicht das Sonnenhaus betreten hatte. Das Tier sagte: „Alles ist warm, alles ist gut, das Licht strahlt heller als viele Sonnen.“

Ich hob leicht den Kopf, um mich umzuschauen, aber ich sah nur Menschen, die an mir vorbeirannten.

„Das ist das Haus der vielen Sonnen, es ist warm und hell, niemals wird mich ein Schmerz treffen können. Alle sind freundlich zu mir, ich bin nicht allein. Die Augen der Menschen glitzern wie Edelsteine, sie sind gut, sie wollen mein Bestes. Mir wird nie etwas Böses geschehen. Es gibt keine Nacht, es gibt keine Dunkelheit.“

Ich glaubte schon, hochgehoben zu werden, ich glaubte schon, in warme Decken gehüllt zu werden, ich glaubte schon, den Gesang eines Engels zu hören. Vielleicht würde er mich ans Meer tragen oder auf eine Wiese mit unendlich vielen Blumen. Ich musste nur ganz still sein, dann hätte ich das Rauschen des Meeres oder das Summen der Bienen hören können. Weiche, warme Decken, weiche, warme Decken im Land der vielen Sonnen. Hatte ich gerade den Schrei einer Möwe gehört, hatte sich gerade ein Schmetterling auf meiner Hand niedergelassen? Flößte mir ein Engel Nektar in den Mund? Ganz nah hörte ich einen Gesang an meinem Ohr: „Ich werde immer bei dir sein, kein Leid wird dich treffen und keine Angst, für immer wirst du im Land der vielen Sonnen leben.“

Wieder hob ich leicht meinen Kopf, ich sah nur noch Licht. Dann zerriss ein lautes Knurren diese Welt, und ich wurde hoch- und höhergehoben. Ich brauchte einige Zeit, um zu verstehen, dass mich der schwarze Hund mit seinem Maul gepackt und auf seinen Rücken gesetzt hatte.

Zum 86. Brief: Kopf abbeißen

Link: Wir haben geprasst und am Ende gab es Tränen

84. Brief: Mein Schätzchen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 84. Teil: Mein Schätzchen

Das Huhn schwieg, mein Polarwolf schwieg, und ich traute mich kaum zu atmen. In diese Stille hinein fing mein Herz an zu klopfen, als wäre mit einem Hammer auf Stahl geschlagen worden. Mir wurde heiß, mein Bett schien sich in ein Flammenmeer zu verwandeln.

Dann hörte ich eine Stimme, die von keinem der Tiere stammte: „Da ist das Dornröschen, ist es nicht schön anzuschauen, diese vollen Lippen, dieses seidige Haar, die kleine Prinzessin, das süße Kind. Mein Schätzchen, du weißt, wie sehr ich dich mag.“

Ich wollte nach dem Pferd mit der goldenen Kapsel rufen, es sollte mein Sonnenhaus wieder in ein Eisblumenhaus verwandeln. Aber ich konnte weder meinen Mund noch meine Zunge bewegen. Dann sah ich das Dornröschen, es schien über mir an der Decke zu schweben. Aus seinem Körper sprang mein Polarwolf hervor.

„Ich werde mich hundert Hundejahre selbst verschlingen“, jaulte er und biss sich ein Stück seines Beines ab.

„Mein Schätzchen, mein Schätzchen, mein schönes Kind. Wollen wir zusammen spielen!“

Ich sprang auf und rannte aus dem Sonnenhaus. Obwohl der Wald weit weg war, hörte ich das Heulen der Wölfe. Der Sturm erfasste mich, er trieb mich vor sich her. Ich wurde gerüttelt und geschüttelt, ich stolperte durch Dornenhecken. Wohin lief ich? Ich erkannte keine Straßen und keine Gesichter. Der Sturm trug die Stimme aus dem Sonnenhaus hinter mir her, sie wurde lauter und lauter.

„Mein Schätzchen, mein Schätzchen, mein schönes Kind.“

Ich versuchte, mich in die Richtung zu bewegen, aus der das Heulen der Wölfe kam. Waren sie bereit zur Jagd? Glitt die Eule lautlos mit ihrem Flügelschlag auf die Beute zu? Ich schaffte es nicht, den Wald zu erreichen, meine Beine trugen mich nicht mehr.

Zum 85. Brief: Engel

Link: denkwerkzukunft