79. Brief: Gute Menschen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 79. Teil: Gute Menschen

Das Dressurpferd stand vor dem Haus, zu dem die dreizehnte weise Frau es geführt hatte, das Haus, das heller zu strahlen schien als viele Sonnen. Hier gingen die Menschen, die dem Pferd helfen sollten, ein und aus, und sie gingen an ihm vorbei, ohne es anzusprechen. Es wusste, dass es diesen Ort nicht verlassen durfte, selbst wenn nie jemand mit ihm sprechen würde. Es brauchte dieses Licht, alles, was bedrohlich erschien, verlor sich darin, die anderen Tiere, die zwölfte weise Frau.

Ununterbrochen sprach das Dressurpferd zu sich selbst: „Hier arbeiten die guten Menschen, die nur mein Bestes wollen. Wenn sie nicht mit mir sprechen, werden sie dafür einen Grund haben, der meinem Wohlergehen dient. Selbst wenn ich sie anspreche, reden sie nicht mit mir, sie wollen mir helfen. Es sind gute Menschen. Gestern habe ich laut mit meinem Vorderhuf gegen die Tür geklopft, keiner hat mir geöffnet. Sie wollen mir helfen, sie werden die Tür erst öffnen, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.“

Dieses Licht zu beschwören, die anderen Tiere und die zwölfte weise Frau zu vergessen, kostete das Dressurpferd sehr viel Kraft. Immer wieder verlor es sein Bewusstsein, weil es erschöpft war. Trotzdem blieb es stehen, als wäre es seine heilige Pflicht gewesen, nicht vor den Therapeuten-Göttern zu liegen, sondern vor ihnen zu stehen und sie zu preisen. Es sah nichts, es hörte nichts, es atmete kaum noch, aber es stand.

Wenn es wieder zu sich kam, sagte es schnell: „Ich stehe vor dem Haus, das heller strahlt als viele Sonnen. Dort arbeiten gute Menschen, sie wollen mein Bestes, ich kann ihnen vertrauen, auch wenn sie nie mit mir sprechen werden, auch wenn sie mich nie anschauen werden, sie wollen mein Bestes, sie sind gut zu mir.“

Zum 80. Brief: Wie der Vater

 

78. Brief: Träumen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 78. Teil: Träumen

Heute ist ein Tag der Stille, Weihnachten, deshalb will ich heraustreten aus dem Lauf der Geschichte. Trotzdem möchte ich bei den Tieren bleiben, die dem Dornröschen helfen wollen, ich möchte für sie träumen.

Ich träume für die Fliege. Sie ist ein verlässliches Tier. Ich will, dass sie spürt, wie wichtig sie ist, damit sie nicht aufgibt.

Ich träume für das Pferd mit der goldenen Kapsel. Ganz besonders träume ich für dieses Pferd, weil selbst die zwölfte weise Frau nicht glaubt, dass es erlöst werden kann, und ich will, dass es etwas Hoffnung gibt.

Ich träume für den schwarzen Hund. Er soll nicht aufhören zu sagen: „Es war einmal.“ Ich wünsche mir, dass er diesen Satz in seinem ganzen Körper klingen lässt, bis er eine neue Geschichte für sich gefunden hat.

Ich träume für das Pferd, dessen goldene Mähne immer weißer wird. Ich möchte, dass all seine Wunden heilen, die es sich beim Lauf durch hundertmal Hundert Dornenhecken zugezogen hat. Es soll wieder aufstehen können. Es soll stolz auf seine weiße Mähne sein.

Ich träume für den Hund, den ich noch meinen Polarwolf nenne. Er ist nicht nur ein zweiter Hund. Ich möchte, dass er immer bei mir bleibt. Wenn er zu den Blüten des Baumes in meinem Garten hochschaut, soll er dabei an sein Fell denken und erkennen, wie schön er ist.

Ich träume für das Dressurpferd. Ich will nicht, dass irgendjemand es für schuldig hält, weil es seine Geschichte nicht erzählt. Ich bin mir sicher, dass es sie nicht nur erzählt, sondern sie in die ganze Welt hinausschreit.

Ich träume für das Huhn. Es ist das Tier, das scheinbar spät kam und scheinbar nie von einer Träne des Dornröschens berührt worden ist. Es spricht die Sprachen aller Tiere, für die ich träume. Das ist eine sehr schwere Aufgabe. Ich wünsche mir, dass es sie erfüllen kann.

Zum 79. Brief: Gute Menschen

Links: Konsumverweigerer

77. Brief: Klagen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 77. Teil: Klagen

Während die zwölfte weise Frau unter dem Flügelschlag der Eule dem Licht des Mondes entgegenlief, blieb sie plötzlich stehen. Sie hörte die Klagen des Pferdes, dessen goldene Mähne immer weißer wurde. „Das Pferd hat recht!“, rief sie, dann spürte sie ihre Beine nicht mehr, sie fiel hin und für einen Augenblick stand ihr Atem still. Ein Heulen drang aus ihrer Kehle, das durch den ganzen Wald hallte. Die Wölfe horchten auf und auch der schwarze Hund.

Als die Eule die Flugrichtung änderte, sich vom Licht des Mondes entfernte, um die Beute zu verfolgen, sprang die weise Frau auf, als wäre sie nach langer Zeit entfesselt worden. Sie glaubte, die Kraft eines ganzen Wolfsrudel in sich zu spüren. Sie lief schneller, als die Eule flog. Als die weise Frau die Beute direkt vor sich sah, stürzte sie sich auf sie und zerbiss ihr das Genick. Dann klagte sie sich selbst an:  „Ich habe das Dornröschen nicht schützen können, auch nicht vor den Menschen, die glaubten, ihm helfen zu können und die ihm furchtbare Schmerzen zufügten. Keiner von ihnen hörte auf mein Rufen. Muss ich heulen wie ein ganzes Rudel Wölfe, damit jemand meine Stimme vernimmt? Muss ich auf die Scharlatane zugehen wie ein außer sich geratener schwarzer Hund? Hören sie nicht, wie die dreizehnte weise Frau über sie lacht, weil sie mit ihnen machen kann, was sie will? Wieso sind diese Menschen so selbstgewiss und scheinbar über jede Kritik erhaben? Warum glauben sie, sich nicht entschuldigen zu müssen für die Schmerzen, die sie dem Dornröschen zufügten? Ein ganzes Rudel hungriger Wölfe möchte ich auf sie hetzen oder gleich den schwarzen Hund.“

Sie schaute auf die tote Maus in ihren Händen. „Ist das noch meine weise Frau?“, fragte sich der schwarze Hund.

Zum 78. Brief: Träumen

Link: Jagd auf Pädophilen-Netzwerke

76. Brief: Gutes Leben

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein  modernes Märchen, Poesie. 76. Teil: Gutes Leben

Mit jeder Träne, die das Pferd vergoss, wurde seine Mähne weißer. Was sollte aus ihm werden, wenn es nicht mehr seine goldene Mähne zeigen konnte? „Wozu lebe ich noch? Soll ich etwa auf ein Insekt hören?“, rief es, aber keiner hörte ihm zu außer der Fliege.

Es erinnerte sich an den Augenblick, als die Träne des Dornröschens seine Stirn berührt hatte. „Ich werde alles tun, damit du überlebst“, hatte es versprochen. Es sah den endlosen Weg vor sich, den es seitdem gegangen war.

„Ich habe doch alles richtig gemacht, das war doch meine Aufgabe, ich musste mich drehen und drehen und meine goldene Mähne zeigen. Ich kann nicht auf eine Fliege hören! Jemand muss sich um mich kümmern. Ich liege hier auf der Straße, und alle gehen an mir vorbei. Ich habe mein Versprechen eingelöst. Warum sagt keiner, dass ich das gut gemacht habe? Warum soll ich mich jetzt auch noch um das Dressurpferd kümmern? Ich habe genug getan. Welche Belohnung bekomme ich für all meine Mühe? Ohne mich wäre das Dornröschen gestorben. Ich will endlich ein gutes Leben haben. Es ist genug, es muss genug sein. Mehr darf keiner von mir verlangen. Die zwölfte weise Frau muss endlich kommen und sich um mich kümmern. Ich werde hier sterben, wenn sich keiner um mich kümmert. Nur dieses Insekt sitzt in meinem Ohr und glaubt, mir sagen zu müssen, was ich zu tun habe. Ich will ein gutes Leben, ich habe ein Recht darauf. Menschen, die dem Dornröschen helfen sollten, traten es mit Füßen und bekamen auch noch einen Lohn dafür. Soll ich jetzt deren Arbeit tun, ohne etwas dafür zu bekommen? Die führen ihr gutes Leben und glauben, sich nicht entschuldigen zu müssen für die Schmerzen, die sie dem Dornröschen zugefügt haben. Warum soll ich in dieser Welt weiterleben wollen? Warum soll ich nicht hier auf der Straße verbluten?“

Zum 77. Brief: Klagen

Link: Kein Täter werden

75. Brief: Lügengeschichte

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 75. Teil: Lügengeschichte

Immer wieder stand ich vor meiner Haustür, weil ich weglaufen wollte, wenn auch nur für kurze Zeit. Egal, was ich tat, egal, was ich sagte, mein Polarwolf versteckte sich vor mir. Nachts lag er unter meinem Bett, er ließ mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Er hatte gemerkt, dass ich ihn beobachtete und ihm etwas ins Ohr flüsterte, während er schlief.

„Du willst mich quälen, du willst, dass ich vor Scham sterbe, nur deshalb schaust du mich an. Glaub bloß nicht, dass ich einschlafen werde, ich werde nie mehr schlafen. Du wirst keine Gelegenheit mehr bekommen, mich anzuschauen, und du wirst mir auch keine Lügengeschichte mehr erzählen. Du machst dich lustig über mich. Gib endlich zu, dass du dich vor mir ekelst!“

Am liebsten hätte ich gesagt, nur um endlich meine Ruhe zu haben: Ja, ja, ich ekele mich vor dir, du bist das widerlichste Tier, das ich je gesehen habe, ja, es ist eine Lügengeschichte, wenn ich sage, dass du wunderschön bist. Es gibt für mich keine größere Freude, als dich zu quälen. Aber ich sagte immer und immer wieder: „Es ist keine Lügengeschichte, du bist mein wunderschöner Polarwolf. Zwinge mich nicht, dir etwas anderes zu erzählen. Wenn ich sagen würde, dass du ein ekelhaftes, widerliches Tier bist, dann wäre das gelogen. Du quälst mich, wenn du mir das nicht glaubst.“

„Du wirst mich nicht anschauen, ich werde nicht einschlafen, nie mehr werde ich schlafen, und ich werde die ganze Nacht nicht aufhören, dir die Wahrheit zu sagen. Wenn du deine Ruhe willst, wenn du schlafen willst, hör auf, mich zu belügen.“

In einer dieser endlosen Nächte kam das Huhn ins Schlafzimmer und sprach nach langer Zeit seine ersten Worte, es sagte: „Irgendeiner spinnt hier.“

Zum 76. Brief: Gutes Leben

Link: Polarwolf