71. Brief: Weiße Mähne

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 71. Teil: Weiße Mähne

Das Pferd mit der goldenen Mähne, das am Boden lag, wünschte sich, groß und stark zu sein wie der schwarze Hund. Aber es war schwächer als ein Federvieh, ein Sklaventier oder eine Fliege. Es spürte, wie das Leben aus unzähligen Wunden aus seinem Körper rann. Und es sah, wie die Menschen an ihm vorbeiliefen, immer ihrem Ziel entgegen: Wir sind schneller als der Sturm, wir schießen durch ihn hindurch mit unserer Kraft, und wir sind für die Freiheit, wir sind für den Frieden.

Das Pferd mit der goldenen Mähne weinte noch immer wie der zweite Hund, und mit jeder Träne, die es vergoss, verlor seine Mähne etwas von ihrer goldenen Farbe und wurde weiß, weiß wie die Fliege, wie die Blüten am Baum im Garten des Sonnenhauses, wie das Fell des zweiten Hundes.

„Erzähl mir eine Geschichte!“, sagte es zur Fliege.

„Es war einmal eine Fliege, die wollte“

„Nein, nein, die Geschichte muss anders anfangen. Es war einmal ein Pferd, das die schönste goldene Mähne hatte, die es auf der Welt gab. Jeder der sie sah, konnte nicht aufhören, das Pferd anzuschauen.“

„So geht die Geschichte auf keinen Fall. Es war einmal ein Pferd, das hatte eine goldene Mähne. Es hatte seinen Teil der Geschichte des Dornröschens erzählt und merkte nicht, dass es seine Aufgabe erfüllt hatte. Um bewundert zu werden, rannte es weiter durch die Straßen der Stadt, es rannte durch hundert Dornenhecken, bis sein ganzer Körper voller Wunden war. Es fiel zu Boden  und weinte. Mit jeder Träne die es vergoss, veränderte sich die Farbe seiner Mähne, sie wurde weiß.“

„Du Lügnerin, du Insekt.“

„Es war einmal ein Pferd, das hatte eine weiße Mähne, und es wusste nicht, wie schön sie war. Es wollte lieber sterben, als ohne goldenen Glanz zu leben.“

Zum 72. Brief: Götter

Link: Frühzeitige Aufklärung über Sexualkriminalität

70. Brief: Dornröschen retten

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 70. Teil: Dornröschen retten

Das Pferd mit der goldenen Mähne weinte wie der zweite Hund, dabei drehte es sich immer wieder um sich selbst. Wollte niemand seine goldene Mähne bewundern? Es ging durch alle Straßen der Stadt, durch hundert Dornenhecken. Aus seinem ganzen Körper rann Blut, und es drehte sich, und es drehte sich. Vielleicht wäre es so weitergelaufen bis zu seinem Tod, wenn es nicht eine vertraute Stimme in seinem Ohr gehört hätte.

„Du hast deinen Teil der Geschichte erzählt, es ist gut“, sagte die Fliege.

„Nichts ist gut, keiner schaut mich an, keiner bewundert meine goldene Mähne. Ich werde hier auf offener Straße verbluten, und keiner schaut hin.“

„Wir wollen doch das Dornröschen retten, erinnere dich, du musst mir helfen.“

„Ich verblute, mir muss man helfen, jemand muss mich bewundern.“

„Du kannst verbluten oder das Dornröschen retten.“

„Ich bin das Dornröschen, ich muss gerettet werden, jemand muss meine goldene Mähne preisen, dann wird alles gut.“

„Du kannst kaum noch stehen, bald wirst du am Boden liegen. Kein Mensch wird dir helfen, alle werden an dir vorbeirennen in ihrem Schlaf. Wenn du deine Aufgabe erfüllen willst, musst du mir helfen. Wir müssen das Dressurpferd aus den Fängen der dreizehnten weisen Frau befreien.“

„Das Dressurpferd, das Federvieh, das Sklaventier, wer denkt an mich? Die zwölfte weise Frau kümmert sich nur um den schwarzen Hund.“

„Du wirst sterben!“

„Du bist nur ein Insekt! Weißt du nicht, dass du zu den niedrigsten Tieren gehörst, du bist weniger als ein Federvieh, weniger als ein Sklaventier. Du willst mir sagen, was ich zu tun habe?“ Das Pferd mit der goldenen Mähne drehte sich und drehte sich und fiel zu Boden.

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Link: Der Baum in Märchen, Mythen, Riten

69. Brief: Duft

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 69. Teil: Duft

Langsam ging ich die Treppe hinunter. Konnte es sein, dass das Sonnenhaus kein Futter bereitstellte? Mitten auf der Treppe blieb ich stehen, nicht aus Angst, sondern weil ich einen Duft wahrnahm, den ich schon seit hundert Hundejahren nicht mehr gerochen hatten, Blütenduft. Langsamer als zuvor stieg ich hinab, und mit jedem Schritt wurde der Duft stärker, er durchströmte das ganze Sonnenhaus. Als ich in den Garten schaute, sah ich, dass die Baumkrone voller weißer Blüten war.

Ich hörte den Hund hinter mir humpeln, er ging zur Haustür. Wollte er sich davonstehlen? Er blieb stehen. Auch er musste den Duft riechen, mehr als ich. Ich traute mich nicht, mich umzudrehen, ihn anzuschauen.

„Hast du schon einmal einen solchen Baum gesehen?“ fragte ich ihn.

„Hundert Hundejahre, hundert Hundejahre!“, wimmerte er, dann kam er langsam näher, bis er direkt neben mir stand.

„Schau mich nicht an.“

„Ich werde jetzt in die Küche gehen, dort werde ich bestimmt Futter für dich finden.“ Ich brauchte nicht lange zu suchen, direkt auf dem Tisch stand ein gefüllter Napf. Als ich mit ihm ins Wohnzimmer zurückkehrte, sah ich unter dem Baum den Hund sitzen, er war schön wie die Blüten, er war auch so weiß wie sie, nur sein rechtes Bein war schwarz.

„Bist du es, bist du der Hund, den keiner sehen soll?“ Er zuckte zusammen und versuchte, sich hinter dem Baumstamm zu verstecken.

„Schau mich nicht an! Du quälst mich, ich bin ekelig, ich ertrage es nicht.“

Ich weiß nicht, wie der Hund ausgesehen hatte, bevor er den Duft der Blüten roch. Er war der schönste Hund, dem ich je begegnet war. Er sah aus wie ein wilder weißer Wolf, und er wusste es nicht.

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Link: Deutschland Täterland

68. Brief: Ekel

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 68. Teil: Ekel

Der zweite Hund blieb unter meinem Bett verborgen. Immer wieder sagte er: „Keiner darf mich sehen, jeder, der mich sähe, würde sterben vor Ekel, auch du würdest sterben.“

Ich muss gestehen, dass ich die schrecklichsten Vorstellungen davon hatte, wie dieser Hund aussah und dass ich mich wirklich vor seinem Anblick fürchtete. Ich stellte mir den blutigen Stumpf vor, aus dem ein Stück Knochensplitter hervorragte. Ich fürchtete mich auch vor dem Blick des Hundes, der hundert Hundejahre in der Nähe des Pferdes mit der goldenen Kapsel vegetiert hatte. Trotzdem sagte ich, auch wenn es nicht sehr überzeugend klang: „Ich werde nicht sterben bei deinem Anblick, du sollst nicht in die Kälte und Dunkelheit des Pferdes mit der goldenen Kapsel zurückkehren.“

„Keiner darf mich sehen. Lass mich gehen, schau mich nicht an.“ Dann fing er wieder an zu heulen: „Hundert Hundejahre, hundert Hundejahre.“

„Ich will, dass du bei mir bleibst, wirklich.“

„Das glaube ich nicht, keiner will mich in seiner Nähe haben, für mich gibt es keinen Platz in dieser Welt. Ich muss in das Zwischenreich des Pferdes zurückkehren. Nur dort darf ich existieren.“

„Ich habe schon so viel erlebt, seit ich angefangen habe, die Geschichte des Dornröschens zu hören, ich kann dich nicht in das Zwischenreich zurückkehren lassen, dann wäre alles umsonst gewesen.“

Wieder heulte der Hund: „Hundert Hundejahre, hundert Hundejahre.“

„Ich habe eine Idee“, sagte ich und hoffte dabei, dass es eine gute Idee sein würde, „ich werde jetzt runter in die Küche gehen und in den Schränken für dich nach Futter suchen. Wenn ich welches finde, ist das eine eindeutige Aufforderung des Sonnenhauses, dass du hier bleiben sollst. Das Sonnenhaus weiß immer genau, was zu tun ist. Und wenn es Futter für dich bereitstellt, heißt das, dass du willkommen bist.“

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Link: Kunst und Resilienz bei traumatisierten Kindern

67. Brief: Licht des Mondes

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 67. Teil: Licht des Mondes

Die zwölfte weise Frau war bereit zu lernen, aber schon in der ersten Nacht merkte sie, dass sie viel Zeit dafür brauchen würde. Immer wieder fiel sie über Wurzeln und Sträucher, Äste schlugen ihr ins Gesicht, und die Eule flog viel schneller, als die weise Frau laufen konnte. Die Eule flog auch nicht immer dem Licht des Mondes entgegen, sie folgte der Spur ihrer Beute. Als die weise Frau mal wieder am Boden lag, kam ein Wolf vorbei und sagte: „Deine Weisheit scheint dir hier nicht viel zu helfen.“

„Ich schaffe das schon, du wirst es sehen. Meine Weisheit hilft mir, nicht aufzugeben.“

Viele Nächte verbrachte sie damit, unter einem Baum zu sitzen, weil das Licht des Mondes von Wolken verdeckt wurde. Dann lauschte sie dem Sturm oder unterhielt sich mit Käfern und Mäusen. Eine der Mäuse fragte sie: „Wenn du eine weise Frau bist, warum folgst du dann dem Flügelschlag der Eule? Sie ist mein Feind, sie will mich fressen, ich muss ständig um mein Leben rennen.“

„Ja, hier im Wald komme ich mit meiner Weisheit nicht weit. Wenn ein Bär käme, würde er mich verschlingen, und ich könnte nichts dagegen tun.“

„Dann wärst du wie eine Maus, die von einer Eule verfolgt wird.“

„Ja, ich wäre hilflos und verloren.“

Wenn die weise Frau verzweifelt war, weil sie befürchtete, sich nie sicher in der Dunkelheit bewegen zu können, ging sie zum schwarzen Hund. Er war ihr vertraut, selbst sein Knurren wirkte beruhigend auf sie. Nächtelang lauschte sie seinen Versuchen, für sich eine neue Geschichte zu finden.

„Es war einmal ein schwarzer Hund, der sich von der zwölften weisen Frau nichts mehr sagen lassen wollte. Immer wieder fiel sie über Äste und Sträucher, und wenn das Licht des Mondes hinter den Wolken verschwand, traute sie sich nicht, weiter durch den Wald zu laufen. Was sollte der schwarze Hund von ihr noch lernen können? Es war einmal ein schwarzer Hund, der sich immer freute, wenn die zwölfte weise Frau zu ihm kam. Welche Rolle sollte sie in seiner Geschichte spielen?“

Zum 68. Brief: Ekel

Link: Dissoziation und Trauma