62. Brief: Zweiter Hund

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 62. Teil: Zweiter Hund

Der zweite Hund hatte keine Ähnlichkeit mit dem schwarzen Hund. Ein Mensch, der noch nie ein Dornröschen näher kennengelernt hat, und wer hat das schon, wird kaum glauben, wie unterschiedlich die Tiere sein können, wie viele Strategien das Dornröschen entwickeln musste, um überleben zu können.

Als das Pferd mit der goldenen Mähne das Sonnenhaus verlassen hatte, wusste der zweite Hund, dass seine Zeit gekommen war. Seitdem die Träne des Dornröschens ihn berührt hatte, hatte er sich dort verborgen, wo sich selbst die zwölfte weise Frau nur kurz aufhalten konnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Er verbarg sich dicht am Körper des Pferdes mit der goldenen Kapsel. Nur an diesem Ort fühlte er sich sicher, weil er nicht gesehen werden konnte und weil keiner sein Jaulen hörte, wenn er sich wieder ein Stück seines Beines abbiss. Er glaubte, seinen ganzen Körper verschlingen zu müssen, um noch unsichtbarer zu werden, als er es in der der Nähe des Pferdes war, das alles Licht um sich herum in die Dunkelheit riss.

Er erschrak sehr, als er spürte, dass die Zeit gekommen war, um seinen Teil der Geschichte zu erzählen. Er musste sichtbar werden. Nicht nur die Nähe des Pferdes mit der goldenen Kapsel hatte ihn bisher verborgen, auch das Pferd mit der goldenen Mähne hatte immer wie eine unüberwindbare Mauer vor ihm gestanden. Wenn es anfing, sich zur Schau zu stellen, konnte sich keiner mehr die Existenz des zweiten Hundes vorstellen.

„Muss ich wirklich gehen?“, jaulte er und rückte noch näher an den eisigen Körper des Pferdes heran. „Wenn mich auf dem Weg zum Sonnenhaus jemand sieht, sterbe ich.“ Am liebsten hätte er sich gleich die verbliebenen drei Beine abgebissen, um nicht mehr laufen zu können, um für immer unsichtbar zu bleiben. Er wartete bis es Nacht wurde, dann humpelte er zum Sonnenhaus, und auch dort wartete er, bis das Licht im Inneren des Hauses erloschen war.

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Link: Konsumverdrossenheit

61. Brief: Gefangen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 61. Teil: Gefangen

Kannst du verstehen, dass ich erst einmal innehalten möchte, nachdem ich dir meine erste Begegnung mit dem Pferd und seiner goldenen Mähne erzählt habe? Für einen Augenblick trete ich beiseite und denke nicht an die Geschichte des Dornröschens. Solange ich dir diesen Brief schreibe, ist das natürlich nicht wirklich möglich. Auch damals, als das Pferd das Sonnenhaus verlassen hatte, konnte ich das nicht, obwohl ich am liebsten nur noch geschrien hätte: Ich will raus aus dieser Geschichte! Ich kann nicht mehr!

Noch hatten nicht alle Tiere ihren Teil erzählt, aber die Tiere, die schon da gewesen waren, erfüllten mit ihren Stimmen und Schritten das ganze Sonnenhaus, sodass ich manchmal glaubte, in ihnen unterzugehen. Ich wollte mich wegträumen an einen Ort, an dem alles anders sein würde. Aber ich blieb gefangen in der Geschichte des Dornröschens, gefangen in den Stimmen und Schritten der Tiere. Nur für ein paar Atemzüge fand ich Ruhe unter dem Baum in meinem Garten, der Blätter trug.

Wahrscheinlich waren es aber nicht nur die Stimmen und Schritte, die ich schon gehört hatte, die mich gefangen hielten, sondern die, die ich noch nicht gehört hatte. Erahnte ich sie schon? So wie der schwarze Hund versuchte, sich eine neue Geschichte zu erzählen, wollte ich mir am liebsten eine neue Welt erschaffen, in der das, was noch vor mir lag, schon Vergangenheit sein würde.

Erlaube mir, mich für einen Augenblick wegzuträumen aus der Dornröschen-Welt. Es war einmal eine Frau, die die Geschichte des Dornröschens hörte und erzählte. Es war einmal eine Frau, die wieder unbefangen einem Hund oder einem Pferd begegnen konnte, die keine Scheu mehr hatte, in der Gegenwart eines Huhns von Eiern zu sprechen und die nie mehr die Frage stellte: „Hast du die Fliege gefressen?“

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Link: Zeitpolitik

60. Brief: Dornröschens Träne

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 60. Teil: Dornröschens Träne

Ohne zu überlegen, nahm ich das ohnmächtige Huhn, legte es auf meinen Schoß und streichelte es. Das Pferd mit der goldenen Mähne sollte wissen, dass ich niemals bereit sein würde, seine Forderung zu erfüllen. Ich sagte ihm: „Es wird dem Dornröschen nicht helfen, wenn ich das Huhn töte.“

Für einen Augenblick war das Pferd sprachlos, es öffnete und schloss mehrmals sein Maul, als hätte es nach Worten gesucht. Es machte eine halbe Drehung nach rechts, eine halbe Drehung nach links. Wusste es nicht mehr, ob es Sinn machte, mir seine goldene Mähne zu zeigen? Dann schaute es mir direkt in die Augen und schrie: „Was weißt du vom Dornröschen? Ich bin von seiner Träne berührt worden. Kennst du seine Geschichte? Weißt du, dass es niemals überlebt hätte ohne meine goldene Mähne?“

Es sah so aus, als hätte das Pferd sich aufrichten wollen, um mich mit seinen Vorderhufen zu erschlagen. Ich versuchte, meine Angst zu verbergen und sagte so ruhig wie möglich: „Ich werde das Huhn nicht aus dem Fenster schmeißen, das wird dem Dornröschen nicht helfen.“

„Meinst du, dass es ihm helfen wird, wenn ich aus dem Fenster springe? Soll ich springen?“ Demonstrativ ging es zum Fenster. „Soll ich springen? Ich bin von der Träne des Dornröschens berührt worden, ich bin ein Teil seiner Geschichte, ein Teil seiner selbst. Wenn ich tot bin, ist auch ein Teil von ihm tot.“

Ich drückte das Huhn an mich und schwieg. Das Pferd richtete sich auf, wirbelte mit seinen Vorderbeinen in der Luft herum, dann rannte es aus dem Raum. Ich hörte, wie es auf der Treppe stolperte. Ich sprang auf, um nachzusehen, ob es sich verletzt hatte.

„Tue doch nicht so, als ob du dir Sorgen um mich machen würdest, tue doch nicht so, als würde ich dir irgendetwas bedeuten. Du hast kein Interesse am Dornröschen. Das werde ich allen anderen Tieren und der zwölften weisen Frau erzählen, dann weiß jeder, wer du bist, dann weiß jeder, dass man sich auf dich nicht verlassen kann.“ Das Pferd mit der goldenen Mähne stampfte aus dem Sonnenhaus.

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Link: Der Wolf in Legenden, Mythen und Märchen

59. Brief: Sklaventier

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 59. Teil: Sklaventier

Ich wusste nicht, auf welchen Weg sich die Fliege begeben hatte, ich ahnte nichts von den Problemen der zwölften weisen Frau und des schwarzen Hundes, und das war gut so. Das Huhn war bewusstlos von seiner Sitzstange gefallen, als das Pferd mit der goldenen Mähne es als Sklaventier beschimpft hatte. Ich hob es auf, trug es ins Schlafzimmer und legte es auf mein Bett.

Was sollte ich tun? Konnte ich das Pferd, das einen Teil der Geschichte des Dornröschens erzählte, bitten zu gehen? Konnte ich zulassen, dass das Huhn von ihm beschimpft wurde? Sollte ich wieder einen Brief an das Sonnenhaus schreiben, oder reichte es auszurufen: Hilf mir, ich weiß nicht weiter!

„Sklaventier, Sklaventier!“, stöhnte das Huhn und fiel sofort wieder in Ohnmacht.

Dann hörte ich, wie das Pferd die Treppe hochstieg, dabei schimpfte es: „Wie kannst du dich um dieses Federvieh kümmern, wenn ich im Haus bin? Ich bin gekommen, um die Geschichte des Dornröschens zu erzählen. Kann ich nicht erwarten, dass man mir zuhört, kann ich nicht erwarten, dass man meine Anstrengungen zu würdigen weiß? Ich erfülle mein Versprechen im Gegensatz zu anderen Tieren. Ich erzähle von meiner goldenen Mähne, ich zeige sie, ich drücke mich nicht.“

„Sonnenhaus, was soll ich tun, was kann ich tun?“ Auf was für eine Antwort hoffte ich? Ich war mir sicher, dass das Sichtbarwerden des Gartens eine Antwort auf den Brief gewesen war. Hätte sich jetzt irgendwo eine Tür öffnen können, hinter der sich ein Stall verbarg, der einem Pferd mit einer goldenen Mähne würdig gewesen wäre? Vielleicht ein Stall in Form einer großen Bühne? Aber bevor das Sonnenhaus in irgendeiner Form reagierte, stand das Pferd schon im Schlafzimmer.

„Ich kann es nicht ertragen, mit diesem Federvieh, mit diesem Sklaventier in einem Haus zu sein. Wenn dir irgendetwas an der Geschichte des Dornröschens liegt, schmeißt du es sofort aus dem Fenster.“

Zum 60. Brief: Dornröschens Träne

Link: Pädophilie-Präventionsprojekt

58. Brief: Starke Fliege

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 58. Teil: Starke Fliege

In der Wunde eines Baums hatte die Fliege Schutz vor dem Sturm gefunden. Sie versuchte, Kontakt mit der zwölften weisen Frau aufzunehmen. Normalerweise reichte es, an sie zu denken oder laut aufzustöhnen, weil die Geschichte des Dornröschens wieder nicht erzählt werden konnte. Aber die weise Frau reagierte nicht, keine Antwort, keine beruhigende Stimme, keine schützenden Hände. Hätte die Fliege nicht verzweifeln müssen? Hätte sie nicht Angst haben müssen, nie mehr den Weg zurück ins Sonnenhaus zu finden? Sie horchte auf ihr Herz, es schlug ruhig und gleichmäßig. Ich bin allein und verloren, dachte sie. Sie sah wie der Sturm Wolken über den Himmel jagte und jammerte: „Ich habe schon mehr als hundert Fliegenleben hinter mir, ich bin ganz weiß geworden. Alles war vergeblich.“

Sie kroch noch tiefer in die Wunde des Baums. Als es nicht mehr weiterging, wartete sie darauf, sich tot niederzustrecken oder zumindest in Ohnmacht zu fallen wie das Huhn. Es geschah nicht. „Ich muss in Ohnmacht fallen, ich bin dem Tod schon ganz nah“, sagte sie zu sich selbst. Sie legte sich hin, schloss die Augen. Ihr Herz schlug noch immer ruhig und regelmäßig. „Ich bin eine Fliege, ich bin winzig, ich bin im Sturm verloren, alle schlagen nach mir, keiner will hören, was ich sage, das ist ein elendes Leben.“

Irgendwann krabbelte sie als eine Fliege, die nicht verstand, warum ihr Herz nicht stehen blieb, sondern ruhig und regelmäßig schlug, aus der Wunde des Baums hervor und stürzte sich in den Sturm hinein. Sie wollte wieder zum Dressurpferd, obwohl sie glaubte, bald keinen Flügelschlag mehr schaffen zu können. Der Sturm riss sie nach oben, drückte sie nach unten, zerschmetterte sie fast am Baum. Wieder floh sie in seine Wunde. „Ich arme, kleine Fliege!“ Ihr Herz schlug ruhig und regelmäßig.

Zum 59. Brief: Sklaventier

Link: Expressives Schreiben als Copingtechnik