53. Brief: Misserfolg

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 53. Teil: Misserfolg

Immer wieder erschrecke ich mich selbst, wenn ich dir diese Briefe schreibe, weil der Weg des Dornröschens, bis seine Geschichte erzählt werden konnte, Jahrzehnte dauerte. Waren all die fehlgeschlagenen Versuche Niederlagen, die nicht hätten sein müssen? War der Versuch der Fliege, das Dressurpferd aus den Fängen der dreizehnten weisen Frau zu befreien, ein Misserfolg? Ich möchte Nein sagen. Dieser Versuch war wichtig, so wichtig wie die stillen Momente, die ich unter meinem Baum im Garten erlebte. Es waren nur Momente, ich hätte nichts tun können, um sie festzuhalten.

Irgendwann wollte ich doch wissen, was die Fliege gemeint hatte, als sie gesagt hatte, dass irgendetwas nicht stimme. Ich rief nach ihr, aber sie antwortete nicht. Hatte das Huhn sie gefressen? Es schlief noch, oder tat es nur so? Auf jeden Fall hatte es mit seinem Scharren den Rasen in ein Schlachtfeld verwandelt. Meine Ruhe war dahin. War das ein Misserfolg? Konnte ich nicht gelassen bleiben? Mein größter Wunsch hatte sich erfüllt, ich hatte einen Baum, an dem Blätter wuchsen. Es gab einen Ort, an dem ich nicht dem Sturm standhalten musste.

Bis heute ist das so, manchmal bin ich ruhig, auch wenn alles in einem Abgrund zu versinken scheint. Kurz darauf glaube ich, dass mir nichts gelingen will und ein schreckliches Ende naht, obwohl alles um mich herum friedlich ist. In welchen dieser Momente sehe ich die Welt und mein Leben richtig? Ich versuche immer wieder, in die Stille zu gehen und versichere mir, dass etwas Wahres in ihr liegt.

Noch einmal: Der Versuch der Fliege war kein Misserfolg, sondern ein Schritt auf dem Weg, das Dressurpferd an sein Versprechen zu erinnern. Nur so kann es gelingen, die Geschichte des Dornröschens zu hören. Und ich hörte sie, irgendwann kam das Dressurpferd, wenn dafür auch sehr viel Anstrengung notwendig war, nicht nur von der Fliege.

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52. Brief: Fliege im Ohr

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 52. Teil: Fliege im Ohr

Die Fliege wurde vom Sturm direkt zum Dressurpferd getragen. In seinem Fell fand sie Halt und grabbelte in ein Ohr hinein. Sie beschwor das Pferd: „Tue so, als wäre ich nicht da, ich weiß, du kennst mich, hör mir zu, aber lass dir nicht anmerken, dass ich zu dir spreche. Du gehst den falschen Weg.“

Das Dressurpferd bewegte heftig seinen Kopf und sein Ohr, als hätte es die Fliege herausschütteln wollen.

„Gib mir eine Chance, du wolltest die Geschichte des Dornröschens erzählen. Die Zeit ist endlich gekommen, bitte!“

„Ich werde bei dir bleiben, dreizehnte weise Frau, nichts kann mich von dir wegführen, ich will für immer bleiben, das ist besser für mich, das weiß ich, du bist gut zu mir, bei keinem kann es mir besser gehen. Ich werde nicht auf die Fliege hören, die versucht, mich von dir wegzulocken.“

„Die Fliege?“

„Ja, sie sitzt in meinem Ohr, sie will, dass ich die Geschichte des Dornröschens erzähle, aber ich bleibe bei dir, bei dir geht es mir gut.“

„Nein, nein!“, schrie die Fliege.

„Verschwinde aus meinem Ohr, ich weiß nicht, was du von mir willst. Lass mich mit dem Dornröschen in Ruhe, ich bin auf dem richtigen Weg, auf dem Weg, den ich gehen will. Verschwinde und komme nie wieder!“

„Du bist ein gutes Pferd, du bist ein kluges Pferd, ich werde dich mit goldenen Bändern schmücken.“

Die dreizehnte weise Frau ging mit ihrem Mund dicht an das Ohr des Pferdes heran, saugte die Fliege aus ihm heraus, schleuderte sie mit dem Ausatmen in den Sturm zurück und rief ihr nach: „Ich hätte dich verschlingen können, aber ich will, dass du jeden Tag leidest, weil all deine Mühen umsonst waren. Die Geschichte des Dornröschens wird nie ganz erzählt werden!“

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51. Brief: Es war einmal

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 51. Teil: Es war einmal

Der schwarze Hund suchte nach seiner Geschichte. Leise murmelte er vor sich hin, um die zwölfte weise Frau nicht zu wecken: „Es war einmal ein schwarzer Hund, der einen Menschen in einem Stück hätte verschlingen können. Oft hatte er schon sein Maul weit aufgerissen gehabt, aber dann hatte sich die zwölfte weise Frau dazwischengestellt, und der Mensch, der einen grausamen Tod verdient hatte, war davongekommen. Manchmal wollte der schwarze Hund das Dornröschen töten. Auch in solchen Augenblicken stellte sich die weise Frau ihm entgegen. Sie hätte leicht selbst in seinem Maul verschwinden können. Sie war mutig, sie war weise, aber sie wusste und konnte nicht alles, deshalb fing er an, sich seine eigene Geschichte zu suchen. Er nahm sich vor, das Dornröschen nicht zu verschlingen, er wollte ein Held sein. Für einen Helden war es nicht genug, es nur zu verschonen. Er musste es schaffen, dass die Geschichte des Dornröschens erzählt und gehört werden konnte. Das klang klug und weise, aber er war es nicht gewohnt, kluge und weise Gedanken zu haben, er wollte jagen, er wollte töten.

Es war einmal ein schwarzer Hund, der nicht wusste, wie er die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, bewältigen sollte. War es nicht gegen die Natur eines so großen Tieres, nur zu knurren? Wozu hatte er sein riesiges Maul? Sollte er den Menschen, die nicht bereit gewesen waren, dem Dornröschen zu helfen, nur die Ohren abbeißen? Ein Maul wie seins war dazu geschaffen, Knochen zu zerbrechen, einen Schädel mit einem Biss zu zermalmen.

Es war einmal ein schwarzer Hund, der nicht wusste, was er mit seiner Kraft machen sollte.

Es war einmal ein schwarzer“

Er war müde und schlief ein.

 

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50. Brief: Der Baum

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 50. Teil: Der Baum

Das Huhn war zur Ruhe gekommen, es lag versteckt unter einem Strauch und schlief. Die Fliege sagte: „Irgendetwas stimmt nicht!“

Für mich stimmte alles. Ich lehnte mich in meinem Garten an einen Baum, der Blätter trug, die von keinem Windhauch bewegt wurden. Hundert Jahre hätte ich so verbringen wollen. Hatte die Eule ihren Flug durch die Nacht beendet? Musste ich nicht mehr dem Licht des Mondes entgegenlaufen, weil die Sonne meinen Garten mit ihren Strahlen durchflutete? Konnte ich den Wölfen zurufen: Ich habe eine neue Heimat!

„Fliege, ich bin mir sicher, mein Atem ist so ruhig, dass du ihn nicht auf deinen Flügeln spüren könntest. Also was soll nicht stimmen? Nein, antworte mir nicht, ich will es nicht wissen. Ich will nur hier stehen und zu den Blättern an meinem Baum hochschauen.“ Die Fliege ließ mir diesen Moment der Stille, die über dem ganzen Garten lag. War ich der zwölften weisen Frau ganz nah? Auch sie atmete ruhig am Körper des schwarzen Hundes. Lauschte ich in dieser Stille auf ihren Herzschlag? Versuchte sie mit ihrem Atem, mich auf das Kommende vorzubereiten? Auch wenn die Fliege nichts sagte, sie fand keine Ruhe. Sie hätte sich auf einen der höchsten Äste niederlassen können, ohne vom Sturm hinweggetragen zu werden. Aber sie verließ den Garten und flog mitten in den Sturm hinein: Wo blieb das Dressurpferd? Wo war die zwölfte weise Frau?

War es Zufall, Glück oder Schicksal, dass der Sturm die Fliege in die Richtung trug, in die sich die dreizehnte weise Frau mit dem Dressurpferd bewegte? Oft stelle ich mir solche Fragen, wenn ich über die Geschichte des Dornröschens nachdenke. Ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Auch du wirst dir bestimmt immer wieder diese Fragen stellen, wenn du über dein Leben nachdenkst. Wunden, wie du sie in dir trägst, schreien solche Fragen in die ganze Welt hinaus. Ich weiß keine Antwort darauf.

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Link: Wölfe in Deutschland

49. Brief: Müde

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 49. Teil: Müde

Die zwölfte weise Frau spürte, dass sie zu müde war, um das Dressurpferd noch einmal zu rufen und es aus dem Bann ihrer Gegnerin zu befreien. Das Dressurpferd zögerte noch einen Moment, dann folgte es der Stimme mit dem harten Unterton. Die Dreizehnte fing an, die Mähne des Pferdes zu flechten, sie streichelte und lobte es: „Du bist ein gutes Tier, du wirst immer bei mir bleiben.“

„Ja, ich werde immer bei dir bleiben.“

„Du, du!“, rief die zwölfte weise Frau, aber sie beendete den Satz nicht. Sie ging noch einmal um das Sonnenhaus herum: „Dornröschen soll leben, Dornröschen soll leben!“ Dann machte sie sich auf den Weg in den Wald zum schwarzen Hund. Sie wollte sich in seinem Fell verkriechen und sich diesmal von ihm eine Geschichte erzählen lassen.

So geschah es, der schwarze Hund, der bis jetzt immer den Geschichten der zwölften weisen Frau gelauscht hatte, fing an, selbst zu erzählen: Es war einmal ein schwarzer Hund und eine weise Frau, beide wollten das Dornröschen retten. Lange glaubte die weise Frau, sie allein wäre die Kluge. Sie erzählte dem schwarzen Hund immer und immer wieder Geschichten, um ihm beizubringen, wie er seine Kräfte richtig einsetzen konnte. Er glaubte schließlich selbst, dass er jedem dieser Worte folgen musste. So vergingen die Jahre, und keiner hörte die Geschichte des Dornröschens. Es wurde älter und älter und die weise Frau immer erschöpfter. Irgendwann wurde sie so müde, dass sie zu dem schwarzen Hund kam und klagte: „Ich kann nicht mehr! Wie soll ich das schaffen? Die Dreizehnte hat das Dressurpferd immer noch in ihren Fängen, es weiß nicht mehr, wer es ist und was es versprochen hat. Ich bin müde, am liebsten würde ich hundert Jahre schlafen. Was soll ich tun? Schwarzer Hund, ich will mich in deinem Fell verkriechen, aber bevor ich schlafe, erzähl mir noch eine Geschichte!

Während er ihr den Wunsch erfüllte, spürte er seine ganze Kraft, und plötzlich rief er aus: „Ja, ja, jetzt lernt die weise Frau vom schwarzen Hund!“

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Link: Schwarzer Hund