36. Brief: Huhn chinesisch

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 36. Teil: Huhn chinesisch

Als mein Sonnenhaus wieder warm und hell war, fühlte ich mich noch lange wie betäubt, als wäre ich aus einer Narkose aufgewacht. Ich konnte meine Glieder kaum bewegen, und ich hätte wahrscheinlich noch stundenlang auf meinem Sofa gesessen, wenn das Huhn nicht geschrien hätte, als wäre es um sein Leben gegangen. Hatte es in dem Eisblumenhaus etwas anderes erlebt als ich? War es im Gegensatz zu mir in der Hölle gewesen?

„Sie kommen, sie kommen, sie werden mich töten, zartes Hühnerfleisch, sie werden mich töten, tot, tot, tot, gebraten, gegrillt, chinesisch, ein deutsches Huhn chinesisch, gebraten, gegrillt, Hühnerbeine, Hühnerflügel, Hühnerfilet, zart, zart!“

Langsam stand ich auf, ohne dabei meinen Körper zu spüren, und ging zu der Sitzstange, um das Huhn zu beruhigen. Es schlug mit seinen Flügeln, sein Kopf drehte sich abrupt von rechts nach links, es schnappte nach Luft.

„Hier ist doch niemand außer mir und der Fliege.“

„Sie kommen, sie kommen, deutsches Huhn chinesisch! Kein Kopf mehr, kein Kopf mehr, kein Huhn mehr, nur noch zartes Fleisch, chinesisch!“

„Ich will dich nicht essen, ich will dich nicht töten, ich habe dir die Sitzstange aufgestellt.“

„Sie kommen, sie kommen, sie, sie, sie!“

Ich ging in die Küche, um ein paar Würmer und Salatblätter zu holen. Als ich dem Huhn einen Wurm vor den Schnabel hielt, schrie es: „Ich werde die Fliege fressen, ich muss die Fliege fressen, Fliege tot, Fliege tot!“

Das Huhn flatterte von seiner Sitzstange und rannte mit weit vorgestrecktem Kopf durch den Raum. Der Schnabel erschien mir wie ein Spieß, der sich in die Fliege bohren wollte.

„Fliege tot, Fliege tot, zartes Fliegenfleisch, Fliege gegrillt, Fliege gebraten, Fliege ohne Kopf, Fliege tot, Fliege tot, ich fresse sie, Fliege chinesisch!“

Zum 37. Brief: Ei tabu

Link: Poesie-Therapie

35. Brief: Goldene Kapsel

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 35. Teil: Goldene Kapsel

Ich kann dir nicht genau sagen, was geschah, als das Pferd mit der goldenen Kapsel in meinem Sonnenhaus war. Ich weiß auch nicht aus eigener Erfahrung, wie lange es sich bei mir aufhielt, es können Sekunden oder auch Stunden gewesen sein. Nachdem, was mir die Fliege später erzählte, waren es wenige Minuten.

Das einzige, was ich wahrnahm, war die goldene Kapsel, und auch die sah ich nur kurz. Ich muss nach Worten suchen, um ausdrücken zu können, was geschah. Der Augenblick, als das Pferd durch die Tür trat, es muss wohl irgendwie durch die Tür gekommen sein, wenn ich auch nicht weiß, wer sie öffnete, war der Augenblick, als eine Kältewelle mein Haus überschwemmte. Ich sah noch, wie die goldene Kapsel scheinbar durch den Raum schwebte. Was ich jetzt schreibe, klingt vielleicht etwas seltsam, ich hatte das Gefühl, dass mein Atem nicht mehr in meine Lungen strömte, sondern in diese Kapsel, um für immer in ihr aufgehoben zu sein. Ich dachte noch an das, was die Fliege mir gesagt hatte, ich würde an den Ort gelangen, wo das Dornröschen lebt. Dann verschwanden meine Gedanken wie das Licht, die Wärme und die Geräusche. Das hört sich so an, als wäre ich in die dunkelste Hölle gestürzt, aber ich kann es nicht die Hölle nennen. Ich war einfach nicht mehr da, nichts war mehr da. Wenn eine ganze Pferdeherde durch mein Haus getrampelt wäre, ich hätte sie nicht gehört, ich hätte sie nicht gesehen. Trotzdem versuche ich jetzt, mir mein Sonnenhaus von damals vorzustellen. Es muss sich von oben bis unten in Eis verwandelt haben. Ich würde mir wünschen, dass es die Form einer Blumen angenommen hätte und auch mein Körper eine einzige Eisblume, weiße Lippen, zarte, spitze Eiskristalle, gefroren bis zu dem Tag, an dem mein Sonnenhaus seine ganze Kraft entfalten würde.

Ich sah nicht, wie die goldene Kapsel wieder am Hals des Pferdes nach draußen schwebte, ich hörte die Tür nicht zufallen. Irgendwann war es wieder hell und warm.

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34. Brief: Sieben Tränen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 34. Teil: Sieben Tränen

Wenn ich dir erzähle, wie die zwölfte weise Frau das Dornröschen rettete, bin ich dabei nicht nur erleichtert, weil ich weiß, wie oft das Leben des Dornröschens gefährdet war und wie lange es dauerte, bis seine Geschichte erzählt werden konnte. Es ist für mich auch schwierig, schreiben zu müssen, dass Menschen ihm nicht halfen, obwohl sie es versuchten. Ja, es gab viele Versuche der Hilfe, vergebliche Versuche. Der Fluch der dreizehnten weisen Frau wirkte. Alle wichen zurück, bevor sie genau hinschauten, genau hinhörten.

Wenn ich hier sitze und dir schreibe, wünsche ich mir, dass es für dich leichter sein wird, Hilfe zu finden. Dafür versuche ich, verständlich zu machen, wie der Fluch der dreizehnten weisen Frau wirkte. Ich hoffe, dass mir das gelingen wird.

Die Stimme der Fliege wurde immer leiser. Sie führte mich in eine Welt, in der es keine Worte gab. Die Fliege war mittlerweile fast ganz erstarrt vor Kälte, sie konnte kaum noch einen Satz bilden, sie stammelte nur noch: „Die Zwölfte, sie fand, lange Suche, sie fand, die Tiere kamen, nicht alle, die Taube nicht, musste sich selbst retten, sechs Tiere, nur sechs Tiere, Angst, nur sechs, drei Pferde, schwarzer Hund, anderer Hund und ich, nur sechs. Dornröschen weinte sieben Tränen, wir nur sechs, aber sieben Tränen, jeder eine Träne, kein Fliegenleben mehr, die Aufgabe, die siebte Träne fiel Boden, kein Tier, kein Tier, du musst verstehen, Träne, Boden, siebte Träne, die Dornenhecke, Träne wurde Dornenhecke, deshalb Dornröschen nicht tot, atmete noch, Dornenhecke, Aufgabe, jedes Tier, eine Träne, eine Aufgabe, erzählen, jede Träne Geschichte, erzählen, Dornröschen, Geschichte, siebte Träne Dornenhecke.“

Dann hörte ich nichts mehr. Sprach die Fliege noch? Ich lauschte und erschrak, weil ich meinen eigenen Atem nicht mehr spürte. Das erste Pferd betrat mein Sonnenhaus.

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Link: Pferde in der Mythologie

 

33. Brief: Schwarzer Hund

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 33. Teil: Schwarzer Hund

Die Stimme der Fliege wurde immer leiser, ich schloss die Augen, um mich nicht von der immer größer werdenden Dunkelheit und Kälte ablenken zu lassen. Ich konzentrierte mich nur auf die Worte der Fliege.

Sie sprach: „Bevor du jetzt an den Ort kommst, wo das Dornröschen lebt, gerade noch überlebt, muss ich dir erzählen, wie es von der zwölften weisen Frau vor dem Tod gerettet wurde. Das musst du wissen, um die Geschichte verstehen zu können. So wie die dreizehnte weise Frau durch alle Straßen und Gassen zog, damit niemand von ihrem Fluch verschont bliebe, so suchte die zwölfte weise Frau überall nach Menschen, die dem Dornröschen hätten helfen können, aber sie fand niemanden. Sie rief: „Ist denn da keiner, wieso ist denn da keiner?“ Alle Menschen gingen an ihr vorbei, nur ein großer schwarzer Hund kam auf sie zu und fragte: „Warum bist du verzweifelt?“

„Das Dornröschen stirbt und niemand hilft ihm, ich bin durch alle Straßen und Gassen gelaufen, niemand hört mein Rufen. Wenn nicht schnell etwas geschieht, ist es tot. Es kann nicht schreien, es kann sich nicht wehren, es kann niemanden um Hilfe bitten. Wenn es stumm bleibt, stirbt es, aber reden kann es nicht. Ich weiß nicht, was ich noch tun kann. Mein Wunsch muss sich erfüllen, der Wunsch einer weisen Frau erfüllt sich, aber ich weiß nicht wie. Das Unmögliche müsste möglich werden, das Dornröschen müsste sprechen können.“

Die zwölfte weise Frau war erschöpft, sie setzte sich neben den Hund auf das Kopfsteinpflaster. Sie legte ihren Arm um das große Tier, vergrub ihr Gesicht in seinem Fell und weinte: „Mein Wunsch muss sich erfüllen, das ist so, das kann nicht anders sein.“ Sie sah, wie ihre Tränen über das Fell flossen. Die Tränen leuchteten wie Edelsteine, und jede einzelne fing an zu sprechen: „Wir können helfen, wir können helfen. Führe sieben Tiere zum Dornröschen, und es kann gerettet werden.“

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Link: Kunstfehler in der Psychotherapie

32. Brief: Kein Makel

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 32. Teil: Kein Makel

Die Fliege erzählte: „In diesem guten Land lebten gute Menschen, aber sie waren nicht immer gut gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie so böse gewesen waren, wie es sich keine Fliege, kein Pferd, kein Huhn und auch kein Hund vorstellen könnten. Als die Menschen merkten, welchen Schrecken sie über die Welt gebracht hatten, erschraken sie sehr. Sie entschlossen sich, für immer gut zu sein. Deshalb luden sie bei der Geburt jedes Kindes zwölf weisen Frauen ein.

Und sie taten noch viel mehr, sie wollten immer besser werden. Alles sollte noch größer sein, alles sollte noch schöner sein. Sie hingen ihr ganzes Herz daran, besser, größer, schöner, besser, größer, schöner. Ihre Augen ertrugen keinen Makel mehr.

Dabei merkten sie nicht, dass der Fluch der dreizehnten weisen Frau, die nie einen goldenen Teller bekam, schon längst ihre Schritte leitete. Sie ging durch alle Straßen und Gassen, keiner sollte verschont bleiben. Und manchmal, wenn ihr die Schmach, nie eingeladen zu werden, deutlich vor Augen stand, packte sie heftige Wut. An einem solchen Tag wurde das Dornröschen geboren. Die weise Frau schrie: „Dich soll mein Fluch mit aller Wucht treffen! Niemand wird dir helfen, du lebst in einem Land, in dem die Menschen keinen Makel mehr ertragen, keiner wird dich sehen wollen, keiner wird dich hören wollen!“

Der Fluch wirkte im Herz des Vaters, sein Leben sollte besser, schöner, größer sein, es sollte golden sein. Er betrachtete seine Tochter, das schöne Dornröschen, und er wusste, sein Leben konnte golden sein. Die Mutter war gut, die Mutter war gut, sie sah keinen Makel.“

Die Fliege stockte. Es war mittlerweile so kalt in meinem Sonnenhaus, dass mein ganzer Körper erstarrte. Die Fliege sagte: „Ich muss weitererzählen, die Zeit drängt, bald wirst du mich nicht mehr hören können.“

Zum 33. Brief: Schwarzer Hund