27. Brief: Das Pferd

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 27. Teil: Das Pferd

Eines der Tiere, die versprochen hatten, die Geschichte des Dornröschens zu erzählen, näherte sich meinem Sonnenhaus, während ich ratlos abwartete und versuchte, ruhig zu atmen. Die zwölfte weise Frau lief auf das Tier zu, es war ein Pferd. Ich weiß nicht, wie es aussah, ich kann dir nicht sagen, welche Farbe es hatte. Sein Körper verschluckte alles Licht um sich herum und auch die Wärme.

Wenn das Pferd auf dich zukommt, wirst du selbst an einem sonnigen Tag Dunkelheit sehen, und mitten in diesem Schwarz leuchtet eine goldene Kapsel. Sie wird von dem Pferd mit einer Kette um den Hals getragen. Je näher es dir kommt, desto kälter wird es. Wenn du direkt neben ihm stehst, wird dein Atem gefrieren und dein ganzer Körper erstarren. Schon als das Pferd sich meinem Sonnenhaus näherte, wurde es um mich herum dunkler, und ich fing an zu frösteln.

„Jetzt, jetzt“, sagte die Fliege.

„Was ist denn los?“, fragte ich

„Deutschland kalt, Deutschland kalt!“, rief das Huhn.

Die Fliege atmete tief ein und aus. „Wir müssen das jetzt schaffen.“

„Schaffen, du meinst die Geschichte des Dornröschens erzählen?“

„Deutschland noch kälter, noch kälter!“ rief das Huhn.

„Ich muss es jetzt schaffen“, sagte die Fliege.

„Deutschland dunkel, Deutschland dunkel!“

„Ich werde es schaffen.“

„Wir sind aber alle nicht ruhig“, erwiderte ich.

„Ich muss anfangen, die Geschichte zu erzählen. Warum ich, warum gerade ich?“

„Deutschland ganz dunkel, Deutschland.“

„Wir sind alle nicht ruhig.“

„Ich muss den ersten Schritt tun, ich habe es versprochen, es ist meine Aufgabe.“

„Deutschland Nacht, Nacht, Nacht!“

 

Zum 28. Brief: Begrenzte Zeit

Link: Ich habe angezeigt

 

26. Brief: Wölfe

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 26. Teil: Wölfe

Ich weiß heute, wie machtvoll der Fluch der dreizehnten weisen Frau ist. Bei vielen Dornröschens‘ wird er wahrscheinlich nie gebrochen werden können, zu viele günstige Umstände sind notwendig, ein Sonnenhaus kann nicht überall erschaffen werden.

Mein Sonnenhaus hielt den Sturm von uns ab, aber waren ich und die Fliege ruhig genug für die Geschichte? War ich jemals so ruhig gewesen, wie sie es erforderte? Während der Schattenzeit in meinem Haus bestimmt nicht. Als ich am Waldrand zu den Bäumen hochgeschaut hatte auch nicht, damals war mein ganzer Körper ständig angespannt gewesen, um dem Sturm standzuhalten. Aber bei den Wölfen? Wenn ich mich mit ihnen nach einer Jagd im Wald ausruhte, legte ich meinen Kopf auf den Bauch eines der Tiere. Auch von dort schaute ich zu den Bäumen empor, und in diesen Augenblicken glaubte ich, dass sie irgendwann wieder Blätter und Früchte tragen würden. Selbst im Tosen des Sturms spürte ich Stille. Mein Kopf hob und senkte sich mit dem Atem des Tieres. Mein Atem stimmte sich auf seinen ein, und dieser folgte dem Ruhe-Rhythmus des Rudels.

Immer wieder lief ein Zittern durch den Körper der Fliege, immer wieder seufzte sie. Das Huhn pickte Beeren und Würmer. Was sollte ich tun? Einfach abwarten?

Ich schloss die Augen und erinnerte mich an den Geruch der Wölfe, der bis vor kurzem noch meinen ganzen Körper eingehüllt hatte. Solange es diesen Geruch gegeben hatte, war ich ein Teil des Rudels gewesen, solange hatte ich mir sagen können: Ich bin nicht allein. Sollten jetzt die Fliege und das Huhn mein Rudel sein? Wer von uns gab den Rhythmus des Atems vor, wer von uns konnte den ersten Schritt in die Stille tun?

Zum 27. Brief: Das Pferd

Link: Trauma und Meditation

25. Brief: Weise Frau

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 25. Teil: Weise Frau

Die zwölfte weise Frau schritt um mein Haus herum, als hätte sie ihren Wunsch, dass das Dornröschen leben soll, noch einmal mit aller Macht bekräftigen müssen. Dabei sah sie es ständig vor sich. Es schrie hinter seiner Dornenhecke: „Nie werde ich meine Geschichte erzählen, nie!“

Im Inneren des Hauses ahnten wir davon nichts, aber es herrschte ein Schweigen, das mich erzittern ließ. Die Zeit für die Geschichte war gekommen, das wusste ich, das wusste die Fliege. Das Huhn spürte nur, dass irgendetwas Außergewöhnliches geschehen würde. Es starrte auf seinen Teller mit Würmern und Beeren, den ich ihm hingestellt hatte. Dabei hatte ich nicht versäumt zu sagen: „Du bekommst so viele Würmer, wie du willst, aber du darfst nicht die Fliege fressen.“

Kannst du dir vorstellen, dass die Beine der zwölften weisen Frau zitterten, als sie um mein Sonnenhaus herumging? Kannst du dir vorstellen, dass sie Angst hatte, es hätte im letzten Augenblick noch etwas schiefgehen können? Würden wirklich alle Tiere kommen, die versprochen hatte, die Geschichte des Dornröschens zu erzählen? Hatten sie noch genug Kraft nach all der Zeit, nach all den vergeblichen Versuchen?

Die zwölfte weise Frau wusste, dass der Atem ruhig fließen muss, wenn die Geschichte des Dornröschens erzählt und gehört werden soll, aber sie selbst konnte ihren eigenen Atem kaum beruhigen. Nur einem Tier hätte die Kraft ausgehen müssen, nur ein Tier hätte von der dreizehnten weisen Frau in die Irre geführt werden müssen, dann hätte die Geschichte des Dornröschens nie ganz erzählt werden können.

Das Schweigen im Inneren des Hauses schien die Wände erbeben zu lassen, in diesem Schweigen schrie das Dornröschen: „Ich werde meine Geschichte nicht erzählen, ich kann sie nicht erzählen, ich sterbe, wenn sie erzählt wird!“

Zum 26. Brief: Wölfe

Link: Wie wird man weise? Gerd Scobel im Gespräch zum Funkkolleg Philosophie.

24. Brief: Wir leben noch

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 24. Teil: Wir leben noch

Ich möchte auch dir noch einmal versichern: Wir leben noch, ich lebe noch, auch heute noch. Das mag etwas seltsam klingen, da ich gerade jetzt hier sitze und dir schreibe. Aber ich muss mir zwischendurch immer wieder selbst versichern, dass ich noch lebe. Der Angriff der dreizehnten weisen Frau war nicht ihr letzter. Zum Glück wussten wir nicht, was auf uns zukommt.

Wir saßen noch lange am Boden und versuchten, unsere Situation zu verstehen. Das heißt nicht, dass wir redeten. Die meiste Zeit starrten wir nach unten. Zwischendurch begann das Huhn seinen vertrauten Satz: „Wir sind, wir sind“, dann brach es ab.

Die Fliege holte immer wieder tief Luft, dann stockte ihr Atem, sodass ich befürchtete, sie könnte an ihrem eigenen Atem ersticken, bis sie dann mit einem lauten Stöhnen die ganze Luft wieder ausstieß.

Einmal sagte das Huhn: „Huhn, Huhn.“ Musste es sich selbst erklären, wer es war? Ich fragte mich, ob ich es irgendwie aufmuntern sollte, aber ich fand keine Worte, nicht für das Huhn und auch nicht für mich selbst. Ich seufzte, dann seufzte die Fliege, dann seufzte das Huhn.

Als ich das Schweigen nicht mehr aushielt, schlug ich vor, etwas zu essen. Keiner antwortete. Trotzdem stand ich auf und ging in die Küche. Als ich den Kühlschrank öffnete, hätte ich mich erschrecken oder zumindest wundern müssen, aber nachdem, was ich mit meinem Haus schon erlebt hatte, erschien mir der große Zettel, den ich dort fand, nicht mehr bemerkenswert. Auf ihm standen genaue Anweisungen über die Ernährung von Hühnern und Hinweise, in welchem Küchenschrank ich die entsprechenden Lebensmittel finden würde. Ganz unten leuchtete noch in roter Schrift: Hühner fressen auch Insekten! Sollte das eine Warnung sein? Ich rannte zurück zum Kamin, um zu sehen, ob die Fliege noch lebte.

Zum 25. Brief: Weise Frau

Link: Markt für Menschenhändler Deutschland

23. Brief: Frieden Frieden

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 23. Teil: Frieden Frieden

Mir blieb fast der Atem stehen, als ich sah, wie das Huhn die Fliege anstarrte. Es schien alles um sich herum zu vergessen, auch dass es in meiner Gegenwart hätte in Ohnmacht fallen müssen. Wollte es die Fliegen fressen? Ich musste sie beschützen, und gleichzeitig durfte ich das Huhn nicht erschrecken. Vorsichtig rutschte ich auf dem Boden zwischen die beiden Tiere. „Freiheit, Frieden, Frieden, wir, wir, wir!“, rief das Huhn.

Die Fliege konnte kaum sprechen, sie japste: „Habe ich es geschafft, bin ich wirklich im Haus drin?“

„Ja, ja, du bist drin.“

„Und ich lebe noch, du lebst noch, und da ist ein Huhn, von einem Huhn weiß ich gar nichts.“

„Ja, wir leben alle noch. Ich hoffe, dass es so bleibt“, sagte ich und schaute dabei das Huhn an. Es bewegte sich nicht.

„Bist du gekommen, um mir die Geschichte des Dornröschens zu erzählen?“

„Lebe ich wirklich noch?“

„Ja, du lebst noch.“

„Und das hier ist das Sonnenhaus?“

„Ja, das ist mein Sonnenhaus, ich weiß zwar nicht, warum es ein Sonnenhaus geworden ist, aber“

„Und wir leben noch?“

„Ja, ja.“

„Will das Huhn auch die Geschichte des Dornröschens hören?“

„Wir sind für die Freiheit, wir sind für den Frieden, Deutschland ist ein gutes Land!“, rief das Huhn.

„Deutschland ist Dornröschenland, weißt du das nicht?“, erwiderte die Fliege.

„Deutschland ist Dornröschenland, Deutschland ist ein gutes Land, Freiheit, Frieden, Frieden.“

„Stimmt mit dem Huhn etwas nicht?“

„Ich bin ein Huhn, Deutschland ist ein gutes Land, Deutschland ist Dornröschenland, Freiheit, Frieden, Frieden!“

Zum 24. Brief: Wir leben noch