18. Brief: Sonnenhaus

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 18. Teil: Sonnenhaus

Bevor ich dir erzähle, wie es mit mir und dem Huhn weiterging, werde ich dir das Innere meines Hauses beschreiben. Die Einrichtung und alles, was mit ihr zu tun hat, sind sehr wichtig. Nur in dieser Art Haus konnte ich anfangen, die Geschichte des Dornröschens zu hören.

Als ich mein Heim nach langer Zeit wieder betrat, war meine äußere Erscheinung das Gegenteil von allem, was mich umgab. Die Farbe meiner Kleidung war nicht mehr zu erkennen, der Stoff schien nur noch aus der Erde des Waldes und Wolfshaaren zu bestehen. Besonders die Hose war an vielen Stellen durch die Dornenhecke aufgerissen. Meine langen Haare waren vom Sturm zerzaust, sie standen wie ein wildes Gebilde um meinen Kopf herum. So konnte ich mit Wölfen durch den Wald ziehen, so hätte ich auch in einer abgelegenen Hütte leben können, in der es keinen Strom und kein Wasser gab, aber nicht in so einem geordneten Haus, das bis in die kleinste Ecke, bis in den Keller hinein frisch und sauber aussah. Die Gardinen, die Tapeten, das Sofa und der Sessel leuchteten in Gelb und Orange, ein Sonnenhaus. Die Schränke, Tische und Stühle waren aus hellem gewachstem Holz. Nirgends schien es scharfe Kanten und Ecken zu geben, alles wirkte rund und weich. Selbst die sandfarbenen Steinfliesen schienen zu leuchten und Wärme abzustrahlen. Wollte das ganze Haus mich beruhigen, indem es zu mir sagte: Hier scheint immer die Sonne, hier gibt es keinen Sturm und keine Kälte, an nichts wirst du dich verletzen. Du wirst nie unter Hunger und Durst leiden müssen, öffne den Kühlschrank, er ist voll, lege dich in dein Bett, es wird alle dunklen Träume in Licht verwandeln.

Ich konnte mich an die Zeit, die ich hier verbracht hatte, nicht mehr erinnern, nicht mehr konkret, als wäre das Haus früher nur eine Schattenwelt gewesen. Auf jeden Fall hatte es nicht so ausgesehen. Immer wieder berührte ich die Möbel oder auch die Wände und die Gardinen, um mich zu vergewissern, dass sich diese Sonnenwelt nicht plötzlich in eine gefährliche Höhle verwandeln würde.

Zum 19. Brief: Nur der Augenblick

Link: Brüder-Grimm-Haus

17. Brief: Ohnmacht

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 17. Teil: Ohnmacht

Vielleicht wärst du wie ich sofort zu dem Huhn gelaufen. Ich freute mich, dass es wieder zu sich gekommen war und wollte ihm helfen. Aber das Huhn schien zu glauben, dass ich schlimmste Absichten hegte, sobald es mich sah, fiel es in Ohnmacht. Und das nicht nur einmal.

Ich betupfte seinen Schnabel und seine Stirn mit Wasser, ich streichelte es, massierte seinen Bauch. Meine Behandlung zeigte Wirkung, es öffnete die Augen, sah mich und fiel in Ohnmacht. Wieder betupfte ich es mit Wasser, streichelte es, es musste doch merken, dass ich ihm etwas Gutes wollte. Es öffnete die Augen, sah mich und fiel in Ohnmacht. Ich änderte meine Strategie. Da ich nicht wusste, welches Essen es mochte, baute ich eine ganze Tellerstraße in der Nähe des Huhns auf und verteilte auf ihr die unterschiedlichsten Lebensmittel, die ich in der Küche fand. Dann versteckte ich mich hinter dem Sofa und wartete darauf, dass das Huhn wieder zu sich kommen würde. Ich beugte meinen Kopf so weit um die Sofaecke, dass ich es beobachten und gleichzeitig meinen Kopf schnell zurückziehen konnte. Als es die Augen öffnete, blickte es noch im Liegen nach allen Seiten, dann stand es vorsichtig auf und schaute sich die Teller an. Ich glaubte schon, dass es anfangen würde zu fressen. Aber nein, es entschloss sich, den Raum abzusuchen, und irgendwann sah es mich und fiel in Ohnmacht.

Ich öffnete die Haustür einen Spaltbreit und legte das Huhn genau dort hin. Dann stellte ich von innen den Sessel vor die Tür, damit sie vom Sturm nicht weit aufgestoßen werden konnte. Wenn das Huhn aufwachte, könnte es sich entscheiden, ob es lieber fliehen oder etwas fressen wollen würde. Ich ging die Treppe zum ersten Stock hoch, setzte mich auf die oberste Stufe und lauschte. Ich brauchte viel Geduld. Irgendwann hörte ich auf dem Steinfußboden hektische Schritte, das Huhn lief zwischen der Tür und den Tellern hin und her. Dann blieb es stehen, ich hielt den Atem an. Ich glaubte, etwas zu hören, konnte daraus aber nicht erkennen, was das Huhn tat. Plötzlich stand es unten an der Treppe, es sah mich und fiel in Ohnmacht.

Zum 18. Brief: Sonnenhaus

Link: Dissoziation

16. Brief: Meine Stimme

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 16. Teil: Meine Stimme

In diesem Haus musste meine Stimme eine andere werden. Sie war gewohnt, gegen den Sturm anzuschreien. Sie war mir vertraut, mit ihr wusste ich genau zu sagen, wer ich war: „Ich bin die Frau, die zu den Bäumen hochschaut, die Frau, die mit den Wölfen durch den Wald streift, mit ihnen auf die Jagd geht und unter dem Flügelschlag der Eule dem Licht des Mondes entgegenläuft und die nicht aufhören will zu hoffen, dass die Bäume wieder Blätter und Früchte tragen werden.“

Wer war die Frau, die auf dem Sofa lag und keine Ruhe fand? Suchte sie schon nach einer neuen Stimme?

In endlosen Kreisen murmelte ich mich mit Worten, die keine sinnvollen Sätze bildeten, in den Schlaf hinein, und als ich wieder aufwachte, murmelte ich immer noch. Ich stand auf und ging durch mein Haus. Ich schaute mir jedes Möbelstück an und berührte es. Ich hätte es auch fragen können: Warst du schon da, als ich das Haus verlassen habe? Hätte der Stuhl zu mir gesagt: Du hast schon oft auf mir gesessen. Und das Bett: Du  hast schon oft in mir geschlafen. Als ich den Kühlschrank öffnete, wäre mir vor Schreck gar keine Frage mehr eingefallen. Der Kühlschrank war von oben bis unten gefüllt mit Lebensmitteln. Das Gemüse sah aus, als wäre es gerade frisch vom Feld gekommen. Auf der Milchtüte las ich, dass sie noch drei Tage haltbar war. Auch als ich das Bad betrat, konnte ich nur stumm bleiben. Ich roch ätherisches Öl, Tannennadel oder Fichte, und Wasserdampf stand im Raum. In all dieser Verwirrung hörte ich auf einmal das Huhn schreien: „Wir sind für die Freiheit, wir sind für den Frieden, Deutschland ist ein gutes Land!“ Und noch einmal begann es: „Wir sind für die“, dann hielt es inne. Ich stand still und lauschte. Verstand auch das Huhn nicht mehr, was geschah? Kurz darauf rief es deutlich leiser: „Wo bin ich? Huhn, Huhn, Huhn?“

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Link: Stigmatisierung psychisch Kranker

15. Brief: Still

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 15. Teil: Still

Wenn du mich fragen würdest, ob sich mein Haus nicht nur von außen, sondern auch im Inneren verändert hatte, hätte ich dir in dem Augenblick, als ich es betrat, keine Antwort darauf geben können. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, fühlte ich meinen Körper nicht mehr. Ich wäre fast mit dem Huhn zusammen auf den Boden geknallt, ich fand gerade noch Halt an einer Garderobe. Es gab keinen Sturm mehr, nicht von vorn, nicht von hinten, nicht von der Seite. Und es war still. Selbst wenn mein Haus im Inneren noch das gleiche gewesen wäre wie früher, war es eine fremde Welt, die ich betrat. Ich sah ein Sofa, ich sah einen Sessel, die Farbe und die Form dieser Möbelstücke hätte ich nicht benennen können. Ich wankte auf sie zu, legte das Huhn auf den Sessel und mich selbst ließ ich auf das Sofa fallen. Zwischen mir und dem Huhn gab es keinen großen Unterschied mehr, beide lagen wir wie leblos danieder. Ich konnte nicht mehr wahrnehmen, wo mein Körper anfing und wo er aufhörte. Ich spürte nur meine Müdigkeit, als hätte ich hundert Jahre nicht geschlafen, aber an Schlaf war nicht zu denken. Ich dachte gar nichts und vieles. Obwohl alles um mich herum still war, hörte ich ein lautes Pochen. Es schien den ganzen Raum um mich herum zu erfüllen, als hätte die ganze Welt nur noch aus diesem rhythmischen Klang bestanden. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass es mein Herzschlag war. Dann zog sich alles zusammen auf diesen kleinen Ort in meinem Körper. Ich lauschte. Schlug mein Herz wirklich regelmäßig wie der rhythmische Klang, den ich gerade noch gehört zu haben glaubte? Raste es nicht eher, als hätte ich schneller sein wollen als der Sturm? Mein Atem wurde unregelmäßig. Ich versuchte aufzustehen, ließ mich aber wieder fallen, bevor ich überhaupt nur den Oberkörper aufgerichtet hatte. Wofür sollte ich aufstehen, was sollte ich tun? Ich hätte schlafen sollen, aber ich fand keine Ruhe.

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Link: Ein Gedicht

14. Brief: Keine Erinnerung

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 15. Teil: Keine Erinnerung

Du musst dir mein Haus wie ein ganz gewöhnliches Haus vorstellen, ein sehr kleines Haus, aber sonst wie jedes andere. Es ist wichtig, dass du das nicht vergisst.

Ich selbst erkannte es kaum wieder, das Dach schien neu gedeckt worden zu sein, und die Mauern waren sonnengelb gestrichen. In meiner Erinnerung hatte es jede Farbe verloren, ein Grau, das schon fast ins Schwarz überging. Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal an das Haus gedacht hatte oder wann ich es verlassen hatte, ich hatte gar nicht mehr gewusst, dass ich ein Haus besaß. Es sah sauber und ordentlich aus, als hätte ich in ihm gewohnt und meine ganze Kraft darauf verwendet, es schön zu gestalten. Die Fensterrahmen waren weiß, ohne jede Macke und die Scheiben frisch geputzt. Ich hätte voller Freude hineingehen können, aber ich stand da wie erstarrt. An der Haustür hing noch die Tontafel mit meinem Namen. Ich hatte allein in diesem Haus gewohnt, das war sicher. Ohne darüber nachzudenken, als wäre es ganz selbstverständlich gewesen, fasste ich in meine linke Hosentasche und griff nach einem Schlüssel, mein Hausschlüssel. Aber ich zog ihn nicht heraus,  hielt ihn nur fest umklammert. Wahrscheinlich hätte ich noch lange nur so dagestanden, wenn mich nicht jemand von hinten an den Schultern gefasst hätte und angefangen hätte, mich zu rütteln und zu schütteln: „Willst du schon nach Hause gehen, hast du wirklich schon genug getan?“

Es war ein Mann, der mich gepackt hatte und mich gar nicht mehr losließ: „Willst du schon nach Hause gehen, hast du wirklich schon genug getan?“

Schließlich griff er nach meinem Arm, um mich fortzuziehen. Ich stieß den Mann von mir, trat nach ihm, schlug ihn, rannte auf die Haustür zu und hob das Huhn auf, das immer noch bewusstlos am Boden lag. Alles ging sehr schnell, ich konnte nicht mehr zögern, nicht mehr erstarren. Ich schloss die Tür auf und betrat mein unbekanntes Haus.

Zum 15. Brief: Still

Link: Gedichte über Erinnerung