8. Brief: Das Huhn

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 8. Teil: Das Huhn

Ich versichere dir, es dauerte lange, bis ich Dornröschens Leben und Verhalten verstand. Hilfe bekam ich dabei von Tieren.

Als ich die ersten Häuser der Stadt erreichte, rief jemand hinter mir: „Wir sind für die Freiheit, wir sind für den Frieden, Deutschland ist ein gutes Land!“ Ich drehte mich um und sah ein Huhn, mit weit ausgebreiteten Flügeln. Es rannte an mir vorbei und rief erneut: „Wir sind für die Freiheit, wir sind für den Frieden, Deutschland ist ein gutes Land!“

Kurz schaute das Huhn mich an, dann eilte es auf die andere Straßenseite: „Wir sind für die Freiheit, wir sind für den Frieden, Deutschland ist ein gutes Land!“

Während ich mich weiter vom Sturm zur Stadtmitte tragen ließ, beobachtete ich das Huhn, das sich in die gleiche Richtung bewegte. Es flatterte aufgeregt mit seinen Flügeln, hob immer wieder für eine kurze Strecke vom Boden ab, landete unsanft und stolperte. Dabei rief es ununterbrochen: „Wir sind für die Freiheit, wir sind für den Frieden, Deutschland ist ein gutes Land!“ Die Stimme wurde schriller, zwischendurch stockte es, als hätte es keine Luft mehr bekommen.

Am liebsten wäre ich zu ihm auf die andere Straßenseite gegangen, um zu fragen, warum es ständig diesen Satz wiederholte. Aber es schien, dass das Huhn so schnell wie möglich vorwärtskommen wollte, um den Abstand zu mir zu vergrößern. Immer wieder schaute es zu mir rüber, dann versuchte es, sein Tempo zu erhöhen oder einen noch weiteren Flugsprung zu machen. Es landete immer unsanfter und stolperte häufiger, bis es irgendwann kaum noch Luft bekam. Seine Stimme war nur noch ein Krächzen: „Wir, wir, Deutschland, wir.“ Noch einmal erhob es sich in die Luft, es schaffte auch noch, auf seinen Füßen zu landen, dann stürzte es zu Boden und blieb liegen.  Ich wartete einen Augenblick, um zu sehen, ob es wieder aufstehen würde. Es bewegte sich nicht.

Zum 9. Brief: Deutscher Schlaf

Link: Das Huhn in der Kunst

7. Brief: Die Stimmen

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 7. Teil: Die Stimmen

Heute weiß ich, dass es nicht nur meine Erschöpfung war, sondern auch die Stimme der zwölften weisen Frau, die meinen Widerstand gegen den Sturm in sich zusammenfallen ließ. Ich wunderte mich über mich selbst, als ich meine Arme ausbreitete, als hätte ich meinen ganzen Körper zu einem Segel werden lassen wollen, das den Sturm in eine Kraft verwandelte, um an ein Ziel zu gelangen.

Damals begann die Reise über das Meer der vielen Stimmen.

Als hätte ich mit jedem Blick zu den kahlen Bäumen empor, mit jedem Blick in die Augen der Wölfe und mit jedem Schritt auf das Licht des Mondes zu ein Schiff gebaut. Ein starkes Schiff, ein gutes Schiff, die Planken und Masten würden nicht brechen, die Taue nicht reißen. Ein neuer Kompass war eingebaut. Die Vorratskammern waren voll beladen, das Reiseziel auf der Karte eingezeichnet: die dunkelsten Ecken Dornröschenlands.

Hätte es nicht auch die Stimme der dreizehnten weisen Frau sein können, die mich in die Irre führen wollte? So etwas kann sie! Wahrscheinlich weißt du das. Dem Dornröschen gaukelte sie immer wieder vor, die zwölfte weise Frau zu sein, die es retten wollte. Als hätte sich ein Teufel Engelsflügel angeklebt und mit seiner Stimme gesungen und gelockt. Das Dornröschen lauschte dem Gesang, und dann stimmte es sogar ein, als wäre es sein eigener gewesen. Es lernte auf Leben und Tod, dass Schwarz niemals Schwarz sein kann, sondern Weiß sein muss. Es saß in einem Raum ohne Tür und Fenster, es gab nicht den kleinsten Spalt, durch den Licht hätte eindringen können. In dieser Dunkelheit sah es das grellste Weiß. Das Dornröschen baute sich mit seiner Fantasie einen ganzen Chor von Stimmen um sich auf. Diese Stimmen lobten und priesen das Weiß, das dem Dornröschen heller erschien als viele Sonnen.

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Link: Erwachsene brauchen Märchen

6. Brief: Ein deutsches Kind

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 6. Teil: Ein deutsches Kind

Wenn ich dir auf meinem Weg in die Stadt begegnet wäre, wärst du ein Mensch gewesen wie jeder andere, du trägst kein Mal auf deiner Stirn. Auch das Dornröschen fiel nicht auf, wenn es durch die Straßen ging. Die Schatten, die seine Sonne verdeckten, warfen es nicht zu Boden, es zuckte nicht am ganzen Körper, und es stotterte nicht. Es konnte sich benehmen, es war gut gekleidet, und es lachte auch.

Ein deutsches Kind, ein deutsches Kind, um dessen Leben die weisen Frauen schon vor der Schulzeit kämpften.

Es kannte die Märchen und „Das Dschungelbuch“. Es liebte Tiergeschichten, es las alle Urmel-Bücher, immer und immer wieder. Im Fernsehen sah es die erste Mondlandung und „Raumschiff Enterprise“. Mit fünf Jahren konnte es Rad fahren, mit sieben Jahren lernte es schwimmen, etwas später sprang es vom 10-Meter-Turm. Es spielte mit Autos und mit Waffen, aber nie mit Puppen.

Ein deutsches Kind, ein deutsches Kind.

Wie viel eine Kugel Eis kostete und wie viel eine Tüte Gummibärchen, wusste es. Aber es wusste nicht, wie viel für seinen Körper bezahlt wurde.

Als das Dornröschen anfing, eine Frau zu werden, brach der Fluch der dreizehnten weisen Frau mit Wucht nach außen in die Welt hinein. Das Dornröschen schrie, es heulte, es tobte, es schlief keine Nacht mehr. Es spürte deutlich die Schatten, die seine Sonne verdeckten. Seine eigenen Worte verstand es nicht mehr, obwohl es deutlich sprach, kein anderer verstand seine Worte, obwohl es deutlich sprach: „Es gibt keine Sonne mehr, ich sehe sie, aber es gibt sie nicht! Ich rede mit Menschen, sie sind weiter weg als der Mond. Ich kann mich bewegen, aber es gibt keinen Ort, an den ich gehen kann. Während ich atme, ersticke ich.“

Zum 7. Brief: Die Stimmen

Link: Hunde in der Trauma-Therapie

5. Brief: Der Kampf

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 5. Teil: Der Kampf

Ich würde dir gerne schreiben, dass ich doch noch die Kraft fand, um mir von der Fliege sofort die Geschichte des Dornröschens erzählen zu lassen, aber mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Kaum hatte die Fliege das letzte Wort gesprochen, brach die Höhle, die ich als Schutz mit meinen Händen geformt hatte, durch ein Zucken in meinem Arm in sich zusammen. Die Fliege wurde vom Sturm hinweggerissen.

Als wäre es noch möglich gewesen, sie zu beschützen, zog ich mich am Stamm hoch, aber sie war schon nicht mehr zu sehen. Auch mich erfasste der Sturm, es gelang mir nicht mehr, mich ihm entgegenzustellen. Er trieb mich vom Waldrand weg in die Stadt hinein, zu den Häusern mit den Schornsteinen, aus denen die Flammen züngeln. Der Kampf der weisen Frauen, der jeden Morgen und jeden Abend aufs Neue begann, tobte um mich herum.

Die 13.: „Glaubst du wirklich, diese Frau kann die Geschichte des Dornröschens hören, sie kann ja kaum auf den Beinen stehen!“

Die 12.: „Sie hat bereits begonnen, die Geschichte zu hören. Jede Nacht ist sie im Wald unter dem Flügelschlag der Eule dem Mondlicht entgegengelaufen. Schon lange hat sie begonnen, die Geschichte zu hören! Mit den Wölfen zusammen ist sie auf die Jagd gegangen, hat mit ihnen den Schafen das Fleisch von den Knochen gerissen. Nach dem Mahl hat sie sich an den Körpern der Raubtiere gewärmt und ihnen das Blut von den Mäulern geleckt.“

Die 13.: „Wie soll sie die Geschichte des Dornröschens hören, sie isst nicht mehr wie die Menschen, sie heult wie ein Wolf? Kann sie die menschliche Sprache überhaupt noch verstehen?“

Die 12.: „Nur weil sie weiß, wie die Wölfe heulen, nur weil sie weiß, wie der Flügelschlag der Eule klingt, wird sie die Geschichte zu Ende hören!“

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Link: Kinder brauchen Märchen

4. Brief: Die Geschichte

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 4. Teil: Die Geschichte

Die Fliege fragte mich: „Willst du mehr über die Dornenhecke erfahren, willst du Dornröschens Geschichte hören?“

Hoffst du, dass ich klar und deutlich Ja sagte? Ich sagte Ja, aber ohne viel darüber nachzudenken. Ich spürte schon, wie meine Hände lahm wurden, mit denen ich die Fliege vor dem Sturm schützte, deshalb drängte ich sie: „Ja, ja, erzähl die Geschichte.“

Wahrscheinlich erkannte die Fliege am Klang meiner Stimme, wie müde ich war. Ich glaube, ich weinte und schluchzte auch über die Wunden an meinem Körper, die ich bisher nicht gesehen hatte – und die Menschen waren an mir vorbeigelaufen.

„Willst du wirklich die Geschichte hören?“

„Ja, ja, mach schon!“, schrie ich.

„Bist du dir sicher, glaubst du, die Geschichte hören zu können?“

„Was willst du von mir, siehst du nicht, wie meine Hände zittern?“

„Du kannst sie nicht hören, sie braucht Zeit, sie braucht Mut. Die Menschen glauben, mutig zu sein, wenn sie auf die höchsten Gipfel steigen oder sich aus der Höhe des Himmels in die Tiefe stürzen. Keiner wird glauben, wie viel Mut nötig ist, um eine solche Geschichte zu hören, und noch viel mehr ist nötig. Du musst den Klang verschiedener Stimmen deuten lernen, und du musst erkennen, wann eine Stimme dich täuschen will. Die Luft, die du atmest, wird dünner sein als auf den höchsten Gipfeln, der Sturz in die Dunkelheit endlos, obwohl du nur still sitzt und zuhörst. Dabei muss dein Atem so ruhig sein, dass er den Sturm um uns herum zum Schweigen bringt. Wenn ich auf deiner Hand säße, dürfte ich nicht einen Hauch auf meinen Flügeln spüren. Nur dann kann ich die Geschichte erzählen, und nur dann kannst du sie hören.“

Zum 5. Brief: Der Kampf

Link: Märchen neu erzählen