2. Brief: Die Fliege

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 2. Teil: Die Fliege

Ich schreibe dir, weil ich die Geschichte eines Dornröschens kenne, ja, ich sage eines Dornröschens, keiner weiß, wie viele es gibt. Lange konnte es niemanden um Hilfe bitten, selbst wenn es jemanden gegeben hätte, der bereit gewesen wäre zuzuhören. Als ich zum ersten Mal von seiner Geschichte erfuhr, war ich eine Frau, die am Waldrand zu den Bäumen hochschaute. Ich wollte nie aufhören zu hoffen, dass sie irgendwann wieder Blätter, wieder Früchte tragen würden. Mit verschränkten Armen stand ich dort, drehte dem Sturm den Rücken zu. Meine langen Haare tanzten um meinen Kopf herum, als wären sie selbst zum Sturm geworden. Meine Beine zitterten. Es war anstrengend, nur bewegungslos dazustehen, standzuhalten. Immer wieder fiel ich zu Boden. Irgendwann schaffte ich es nicht mehr aufzustehen. Wenn jemand vorbeikam, rief ich um Hilfe, aber meine Worte wurden zerfetzt vom Sturm. Und selbst wenn die Menschen mich dort liegen sahen, liefen sie weiter.

Ich kroch an einen Baum heran und lehnte mich an seinen Stamm. Dann sah ich eine Fliege, sie versuchte, sich auf der Rinde niederzusetzten, aber sie konnte sich nicht halten, der Sturm riss sie immer wieder davon, und immer wieder kehrte sie zurück, versuchte es erneut. Schließlich legte ich meine Hände um sie wie ein Schutzschild. Sie schien zu verstehen, dass ich ihr helfen wollte, sie blieb dicht an meinen Händen und näherte sich mit ihnen dem Stamm. Ihr ganzer Körper zitterte, als sie sich gesetzt hatte. Ich formte den Schutzschild zu einer Höhle um sie herum. Als die Fliege zur Ruhe gekommen war, fing sie an, mit mir zu sprechen.

„Wenn es nur der Sturm wäre, aber auch noch die Dornenhecke, ständig muss ich aufpassen, nicht aufgespießt zu werden.“

„Dornenhecke, welche Dornenhecke?“,  rief ich.

„Ja, weißt du das denn nicht, du lebst in Dornröschenland, schau dich doch an, die Dornenhecke ist überall, schau dich an.“

Ich hatte immer nur zu den Bäumen hinaufgeschaut, jetzt betrachtete ich meinen Körper. Die Kleider waren zerfetzt, meine Haut war voller Risse.

Zum 3. Brief: Die Dornenhecke

Link: Tiere im Märchen

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