1. Brief: Dornröschenland

Ein Dornröschen in Deutschland, Kinderprostitution, Eltern verkaufen ihre Kinder. Ein modernes Märchen, Poesie. 1. Teil: Dornröschenland

Du hast keine Worte mehr, dich gibt es nicht in diesem guten Land, in Deutschland. Hier verkaufen Eltern ihre Kinder nicht. Du weißt es besser.

Wie bei jedem deutschen Kind wurden bei deiner Geburt zwölf weise Frauen geladen, damit sie dich reichlich segnen, als lebtest du in Dornröschenland. Deine Würde ist unantastbar, du sollst in Frieden und Freiheit leben, nie wirst du erfahren, was Hunger und Durst ist, keiner darf dir ein Leid zufügen, schöne Kleider wirst du tragen, deine Tage sollen voller Freude sein, das neueste Wissen wird dich nähren, viele Menschen arbeiten für dein Wohlergehen, die ganze Welt wird dir offen stehen.

Deutschland ist Dornröschenland, für die dreizehnte weise Frau gibt es nie einen goldenen Teller. Immer wieder verflucht sie Dornröschenland. Dich traf es am härtesten. Du hast nichts getan, um diesen Fluch auf dich zu ziehen. In deinem Schlaf irrst du Tag und Nacht durch ein dunkles Labyrinth, findest keine Ruh. Wünschst du dir manchmal, dass die zwölfte weise Frau dich nicht vor dem Tod gerettet hätte?

Auch die Welt um dich herum fällt immer wieder in einen tiefen Schlaf. In diesem Schlaf schließt niemand seine Augen, niemand findet Ruh, auch nicht die Pferde, nicht die Hunde, nicht die Tauben, selbst die Fliegen nicht, sie bleiben ständig in der Luft, setzen sich nicht an die Wand oder auf einen Teller. Das Feuer in den Kaminen züngelt mit seinen Flammen bis zu den Schornsteinen hinaus, als wollte es Gold von der Sonne ablecken, und es brennt selbst dann noch, wenn das Holz schon längst zu Asche zerfallen ist. Niemand findet Ruh, niemand findet Ruh. Der Koch, der Bäcker, der Fleischer, der Kaufmann, alle schütteln ihre Lehrlinge ohne Unterlass. Den Hühnern wird mit den Federn gleich die Haut abgerissen. Der Wind ist nur noch Sturm, selbst im Frühling und Sommer tragen die Bäume keine Blätter mehr. Niemand findet Ruh, niemand findet Ruh.

Zum 2. Brief: Die Fliege

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